Richard Vosgerau 1933-1945 (Ulrich Green)

Die Veröffentlichung erfolgt mit ausdrücklicher Zustimmung des Autors, Ulrich Green, der die Unterlagen dem SPD Ortsverein Eckernförde zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt hat.

Aus seiner Arbeit „Richard Vosgerau, Sozialdemokrat und Gewerkschafter, Von Borby bis Neuengamme, 1889 – 1945“ ist im Jahrbuch „Demokratische Geschichte“, 22 (2011), Hrsg. u. a. Prof. Bohn, Prof. Danker, Universität Flensburg, ein Aufsatz erschienen: „Richard Vosgerau 1933 – 1945, Von Borby über Neuengamme bis zum Tod in der Neustädter Bucht“. Dieser Aufsatz wurde in die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung übernommen, außerdem in die Bibliothek der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und in den AGGB-Katalog (ArbeitsGemeinschaft der GedenkstättenBibliotheken). Im Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde erscheint in der Ausgabe 2013 der abschließende fünfte gekürzte Teil der Veröffentlichung. Mit der Aufnahme des Aufsatzes in drei wissenschaftliche Bibliotheken, vor allem in die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, ist die Geschichte der Eckernförder SPD nunmehr fester Bestandteil der Literatur über die Arbeiterbewegung in Deutschland.

 

Ulrich Green: Richard Vosgerau 1933-1945 Von Borby über Neuengamme bis zum Tod in der Neustädter Bucht (1)

"Haben die Zustände in Eckernförde noch etwas mit Recht und Gesetz zu tun? Wir erwarten von der Reichsregierung sofortige Abhilfe!" In diesen Appell mündete ein Brief "An den Herrn Reichskanzler in Berlin", den der Gemeindevorsteher des Nachbarortes Borby am 23. Juli 1932 im Namen der "Eisernen Front Eckernförde" schrieb.(2) Darin berichtete er von Übergriffen der SA, willkürlichen Hausdurchsuchungen und einem von National-sozialisten verübten Mordanschlag auf den Kreissekretär des Deutschen Landarbeiterverbandes, Anton Peters.

Der Autor des Briefes, Richard Vosgerau, stammte aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus. Im Jahre 1889 in Borby geboren, erlebte er als Gewerkschaftssekretär, SPD-Ortsvereinsvorsitzender und - seit 1929 - Gemeindevorsteher den Aufstieg des National-sozialismus in Schleswig-Holstein vor Ort. Das weitere Schicksal des angesehenen Lokalpolitikers illustriert beispielhaft sowohl die Machtlosigkeit und Verfolgung von Demokraten nach der Machtübernahme Hitlers als auch die Schwierigkeiten des Widerstandes und des Überlebens in der Diktatur des "Dritten Reiches". Eingebettet in die lokal- wie regional-historischen Kontexte, skizziert der folgende Beitrag Vosgeraus politisches Leben und Wirken von 1933 bis zu seinem Tod Anfang Mai 1945.

Richard Georg Heinrich Vosgerau wurde am 28. Mai 1889 in Borby geboren und wuchs zusammen mit vier Geschwistern in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus auf. Er besuchte die Volksschule, lernte in Kiel Bäcker und absolvierte den Wehrdienst in der fernen Provinz Posen. Nachdem die Sozialistengesetze nicht erneuert worden waren, gehörte sein Vater, Friedrich Vosgerau, am 11. Oktober 1891 zu den Begründern des "Arbeiter-Bildungsvereins für Eckernförde, Borby und Umgebung".
Nach dem Wehrdienst arbeitete Richard Vosgerau ein Jahr lang in der Schmiede der Kaiserlichen Werft in Kiel. Politisiert durch den Gesamtstreik auf allen Werften des Kaiserreichs und dessen Folgen, trat er 1911 der Gewerkschaft und der SPD bei. Nach der Rückkehr aus Kiel heiratete er 1912 Maria Soltau, die er während der Lehre in Kiel kennengelernt hatte.
Richard Vosgerau begann eine engagierte Mitarbeit im SPD-Ortsverein Borby, wurde bald Mitglied im Gemeinderat, traf Jürgen Jürgensen, mit dem er sich im Vereinsvorsitz abwechselte und der ihm später in seiner Funktion als Abgeordneter in Berlin in schwierigen Situationen hilfreich zur Seite stand.*)
1914 musste Vosgerau mit 30 weiteren Borbyer Genossen Kriegsdienst leisten. Er kam 1916, anscheinend leicht verwundet, als "garnisonsverwendungsfähig Heimat" von der Front zurück, wurde am 1. Juli 1916 zum Ortsvereinsvorsitzenden gewählt. Nach einer Versammlung am 17. Februar 1917 vollzog die Eckernförder SPD den entscheidenden Schritt in Richtung USPD. Vorgänge in Berlin 1922 ließen dann auch in Eckernförde die Frage nach der weiteren Existenzberechtigung der USPD stellen, sodass Richard Vosgerau die Ansicht äußerte, es bleibe nur die Konsequenz, zur Mehrheit zurückzukehren oder zur Kommunistischen Partei überzutreten. Noch im selben Jahr traf die überwiegende Mitgliederzahl der USPD und mit ihr der Eckernförder Ortsverein eine Entscheidung: Die USPD ging in der wiedervereinigten SPD auf.
Nachdem er 1921 durch den ADGB-Ortsausschuss Eckernförde zum besoldeten Gewerkschaftssekretär gewählt worden war, hat er in jenen schwierigen Nachkriegs- und Inflationsjahren wohl auch an den großen Arbeitskämpfen seines Organisationsbereiches Anteil genommen. Er wuchs in die Rolle des allseits respektierten Arbeiterführers hinein, wobei insbesondere das tätige vorbildliche Engagement im weitverzweigten Geflecht der Arbeiterbewegung maßgeblich war. Es bildete die Basis für seine politische Arbeit auf Gemeinde- wie Kreisebene und schließlich bis hinauf zum Provinziallandtag. Vor allem bei den Kommunalwahlen von 1929 führte diese vielseitige Vertrauensarbeit zum Erfolg: Richard Vosgerau wurde Gemeindevorsteher von Borby. Eine der großen Leistungen Richard Vosgeraus war der örtliche Schulbau.
1933 kam mit dem NS-Terror für ihn und ungezählte anderer Sozialdemokraten das politische Ende - für viele auch das physische. Obgleich in den Kommunalwahlen im März 1933 erneut zum Gemeindevorsteher gewählt, konnte er sein Amt kein zweites Mal antreten. Anfang April 1933 nahmen ihn die neuen nationalsozialistischen Machthaber in "Schutzhaft". Nach der Haftzeit zunächst in Schleswig, dann in Rendsburg, versuchte er sich eine neue Existenz als Versicherungsvertreter aufzubauen. Im Rahmen der reichsweiten Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er ins Konzentrationslager Neuengamme verschleppt. Nach dessen Auflösung starb Vosgerau am 3. Mai 1945, als britische Bomber die KZ-Häftlingsschiffe aus Neuengamme in der Neustädter Bucht versenkten.


(1) Der Beitrag entstammt der unveröffentlichten Arbeit: "Richard Vosgerau, Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Von Borby bis Neuengamme, 1889-1945".

(2) Stadtarchiv Eckernförde (im Folgenden: STAE) II H 16.

*) 1883 in Langholz im Kreis Eckernförde geboren, war Jürgen Jürgensen ab 1912 langjähriger Weggefährte Richard Vosgeraus. Nach seiner Wahl 1921 in den Preußischen Landtag wurde Jürgensen 1922 Sekretär der SPD-Fraktion. 1933 beraubten ihn die Nationalsozialisten seines Amtes und verschleppten ihn am 12. Oktober 1935 in das Konzentrationslager Esterwegen. Er überlebte das KZ und weitere Verfolgungen durch die Gestapo. Ab 1945 nahm Jürgensen wieder am öffentlichen Leben teil. Er starb um 31. August 1950 in Schönkirchen bei Kiel (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, BIOSOP 1867-1933: http://biosop.zhsf.uni-koeln.de/index.htm, Schleswig-Holsteinische Volkszeitung, 02.09.1950).

 

Gemeinderatsmitglied Richard Vosgerau; Aufnahme ca. 1913, Foto zur Verfügung gestellt durch Maria Vosgerau, Eckernförde

 

Nationalsozialistische Machtübernahme und die SPD in Borby. Die deutsche Sozial-demokratie befand sich angesichts des Aufstiegs der "braunen Bewegung" in einem Dilemma: Seit 1932 zeichnete sich ihre Niederlage ab, war sie doch als demokratische Arbeiterpartei nicht auf einen derartig allumfassenden Kampf vorbereitet, wie die NSDAP das politische Geschäft eigentlich verstand.(3) Auch in Borby und Eckernförde zeigten sich die Möglichkeiten der SPD, noch mehr der KPD, einen regulären Wahlkampf zu führen, durch eine große Anzahl von Repressionen erheblich eingeschränkt. Wenn auch die Genossen mit dem Mut der Verzweiflung für ihre Sache arbeiteten, sie waren den Nationalsozialisten in vieler Hinsicht unterlegen. Diese Unterschiede schlugen sich beispielsweise in der Wahlpropaganda der SPD nieder(4), aber auch in der direkten Konfrontation folgte die örtliche Sozialdemokratie einem anderen Weg. Als etwa am 10. Juli 1932 im Rahmen einer Großversammlung der NSDAP in Eckernförde Auseinander-setzungen zu erwarten waren, verpflichtete Richard Vosgerau die Genossen auf Gewaltlosigkeit und einen Versammlungsplatz außerhalb der Stadt.
Im Kleinen wie im Großen ist zu erkennen, was geschehen kann, wenn meinungsbildende Führungsgruppen großer Bevölkerungsschichten aus menschlich sympathischer Bescheidenheit oder allzu großer Vorsicht den schicksalhaften verfassungs- und staatspolitischen Fragen ihrer Zeit auszuweichen versuchen. Dann sind die Voraussetzungen gegeben, unter denen dynamische Minderheiten ihren totalitären Anspruch in einer politisch labilen orientierungslosen Gesellschaft durchzusetzen vermögen(5).

(3) Lawrence D. Stokes, Sozialdemokratie contra Nationalsozialismus in Eutin 1925-1933, in: Demokratische Geschichte (im Folgenden: DG) 2 (1987), S. 210.

(4) Vgl. etwa Hans Christian Nissen, 1933-1945: Widerstand, Verfolgung, Emigration, Anpassung, in: DG 3 (1988), S. 473-494, hier S. 474.

(5) Gerhard Stoltenberg, Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918-1933, Düsseldorf 1963, S. 210.

 

Ergebnisse der Reichstagswahl am 5. März 1933 in Borby; Angaben in Prozent der abgegebenen Stimmen. Daten nach Frank Omland (Information an Verf. am 31.5.2009); vgl. ders., Wahlstatistische Datenbank für Schleswig-Holstein 1919-1938
(http://www.akens.org/akens/texte/diverses/wahldaten/RTW1933M.htm; 15.9.2011).

 

Die NSDAP erreichte bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 in Schleswig-Holstein Stimmenanteile bis über 90 Prozent. Im Vergleich hierzu zeigt das Wahlergebnis von Borby einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz bei der SPD und einen relativ niedrigen der NSDAP. Die linken Parteien bildeten gemeinsam eine rechnerische Mehrheit, wie sie sich nur noch in elf weiteren Gemeinden Schleswig-Holsteins fand. Dieses gute Abschneiden mag auch eine Folge des Engagements von Richard Vosgerau gewesen sein. In seiner langjährigen Parteiarbeit und als Gemeindevorsteher zeigte er nicht nur einen hohen Arbeitseinsatz, sondern war in allen Fällen, die seiner bedurften, zur Stelle. Nicht nur, dass er langfristig und umsichtig planen (wie bei dem Ausbau der Borbyer Schule) und kurzfristig Entscheidungen treffen konnte, er stoppte nach seiner Wahl zum Gemeindevorsteher im Jahre 1929 auch die frühere Schuldenwirtschaft der Gemeinde und brachte rund 50 "ausgesteuerte" Erwerbslose wieder in Arbeit.(6) So war im Laufe der Zeit das Vertrauen der Bevölkerung ständig gewachsen und kam auch in der außergewöhnlichen Situation des Jahres 1933 zum Ausdruck.
Dass der Machtübernahme der Nationalsozialisten Entrechtung und Gewalt folgen würden, war unübersehbar. Gleichsam als Vorboten der reichsweiten Gewaltwelle gegen die Gewerkschaften Anfang Mai 1933 stürmten SA-Männer am 10. Juli 1932 das Eckernförder Gewerkschaftshaus.(7) Nachdem SA-Leute am 8. März 1933 die Büsten von Marx und Lassalle entwendet hatten, protestierte Vosgerau mit einem Brief an den Landrat Walter Alnor(8). Die neuen Machthaber bekannten sich jedoch offen zu ihrem Ungeist. So etwa in der Antwort auf Vosgeraus Protestschreiben, so auch am Abend des 10. März, als der Eckernförder Bürgermeister Wilhelm Sievers auf einer großen öffentlichen Wahlkundgebung der Kieler NSDAP sagte:
"Wer heute noch glaubt, über Paragraphen stürzen zu können, wenn es gilt, dem berechtigten Willen des deutschen Volkes Rechnung zu tragen, der hat die Konsequenzen zu ziehen. Deshalb sei diesen Leuten jetzt schon gesagt, dass es am Montag mit dem Staubwedel vorbei ist und dass dann das Großreinemachen mit dem Schrubber beginnt. Das sind wir denen schuldig, die um diese Revolution in den Tod gingen. Wir wollen einen neuen deutschen Staat und ein neues deutsches Volk schaffen. (...) Am Anfang unserer Denkungsweise steht nicht das Wort 'Recht', sondern 'Pflicht' !"(9)

(6) Karl-Werner Schunck, Richard Vosgerau - Ein politischer Lebensbericht, in: Kurt Hamer/Karl-Werner Schunck/Rolf Schwarz (Hrsg.), Vergessen + Verdrängt: Arbeiterbewegung und Nationalsozialismus in den Kreisen Rendsburg und Eckernförde. Eine andere Heimatgeschichte, 3., um einen Nachtrag erw. Aufl., Schleswig 1995, S. 12.

(7) Vgl. Ulrich Green, Zum Tod der Landarbeiter Johann Buhs und Hinrich Junge, in: Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde 68 (2010), S. 307-314.

(8) STAE II H 16. Dr. Walter Alnor war 1926 als damals jüngster Landrat in Preußen berufen worden. Er trat erst im Mai 1933 der NSDAP bei und gehörte zu den Fachleuten, auf deren Können und Erfahrung die Nationalsozialisten ihre Herrschaft aufbauten und die mehr oder minder reibungslos funktionierten. Vgl. Sebastian Lehmann, Peter Börnsen, Eckernförde - Regionale Zeitgeschichtsforschung am Beispiel eines Kreisleiters der NSDAP, in: Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde 66 (2008), S. 284.

(9) Zit. nach: Christa Geckeler, Kieler Erinnerungstag: 11. März 1933. Die Nationalsozialisten bringen das Kieler Rathaus unter ihre Herrschaft (http://www.kiel.de/kultur/stadtarchiv/ erinnerungstage/index.php?id=85, 15.9.2011).

 

27. März 1933 - Antwort von Eckernfördes Bürgermeister Sievers auf ein Protestschreiben Richard Vosgeraus an Landrat AInor vom 9. März 1933; STAE II H 16. Dazu die handschriftliche Notiz: "zda bei II, Staatsgefährliche Umtriebe spd".

 

Während der kurzen Vorbereitungszeit zu den Kommunalwahlen wurde ein bisher nicht gekannter Terror ausgeübt. SA, SS und Stahlhelm gingen als "Hilfspolizisten" mit beispielloser Gewalt vor.
Und doch entsprachen die Ergebnisse der Kommunalwahl am 12.März 1933 in Eckemförde nicht den Vorstellungen der NSDAP: Sie war gezwungen, in der Stadtverordnetenversammlung eine Verbindung mit den Konservativen einzugehen. NSDAP und Kampffront Schwarz-Weiß-Rot/Nationale Einheitsliste(10) verfügten nun zusammen über die absolute Mehrheit; die Sitzverteilung im Kreistag mit einer absoluten Mehrheit der NSDAP spiegelte hingegen die Gegebenheiten im größten Teil Schleswig-Holsteins wider. Vermutlich spätestens Ende März wurden die beiden Sitze der Kommunistischen Partei in der Stadtverordnetensammlung aufgrund des "Vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" für unwirksam erklärt und entfielen damit ersatzlos. Die Annullierung der SPD-Mandate folgte bald darauf, nachdem Reichsinnenminister Wilhelm Frick die Partei am 22. Juni 1933 verboten hatte.

(10) Im Wesentlichen handelte es sich dabei um die DNVP, während die Mitglieder der Nationalen Einheitsliste aus dem Stahlhelm und dem Landbund kamen; klare Abgrenzungen gab es jedoch nicht.

 

 

Sitzverteilung in der Stadtverordnetenversammlung Eckernförde nach der Kommunalwahl vom 12. März 1933; Kreisblatt des Kreises Eckernförde, 65. Jg., Nr. 12, 27.3.1933.

 

Mandatsverteilung in der Gemeindevertretung Borby noch der Kommunalwahl vom 12. März 1933; Kreisblatt des Kreises Eckernförde, 65 Jg., Nr. 12, 27.3.1933

 

Schreiben des Borbyer Gemeindevorstehers an den Vorsitzenden des Kreisausschusses Eckernförde vom 4. April 1933; STAE Borby IV c.

 

In Borby kam es nach der Kommunalwahl 1933 zu einer ähnlichen Situation wie 1929. Das Los musste über den Gemeindevorsteher entscheiden, da die bürgerliche Liste "Gemeindewohl" zusammen mit den Nationalsozialisten über vier Sitze verfügte, die Sozialdemokraten ebenfalls: Otto Faehse, der einzige Kommunist in der Gemeindevertretung, war vor der konstituierenden Sitzung in "Schutzhaft" genommen worden. Das Los fiel auf Richard Vosgerau, damit war er zum zweiten Mal Gemeindevorsteher.(11)
In der Gemeindevertretersitzung am 4. April 1933 stellten die anwesenden Abgeordneten zwar die Gültigkeit der Wahl fest, doch in einem vermutlich nicht von Vosgerau unterzeichneten Schreiben des Borbyer Gemeindevorstehers desselben Tages an den Vorsitzenden des Kreisausschusses Eckernförde wird darum gebeten, für den Kandidaten zum Gemeindevorsteher und seinen Stellvertreter kommissarische Vertreter einzusetzen. Der Vorgang ist nicht ganz durchsichtig, sicher aber ist: Der gewählte Gemeindevorsteher Richard Vosgerau konnte sein Amt nicht antreten. Stattdessen wurde der SPD-Politiker verhaftet.

(11) STAE Borby IV c.

 

Verfolgung und Widerstand. Am 6. April 1933 begann eine Verhaftungswelle.(12) Etwa 40 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden festgenommen und nach Schleswig gebracht. Offenbar war die Eckernförder Polizei nicht in den Vorgang involviert. Der Polizeiobermeister Voges schrieb in einem Bericht vom 7. April 1933: "Am 6. April 1933 wurden anlässlich einer Aktion des Sonderkommissars, angeblich aus Schleswig, folgende Personen aus politischen Gründen festgenommen und nach Schleswig transportiert. Heinrich Jansen, Ernst Jürgensen, Franz Brücker, Karl Steffen, Paul Leffin, August Scharfenberg, Jürgen Naeve, Willy Roguska, Karl Petersen, Hans Stapf, Fritz Jahn. Personen, die in den frühen Morgenstunden festgenommen worden sind, können von hier aus nicht namhaft gemacht werden, da die hiesige Polizei bei dieser Aktion nicht zugegen gewesen ist und von der Festnahme auch keine Kenntnis erhalten hat. Nach Angabe des Standartenführers Roos aus Schleswig sollen wir heute bis 12 Uhr eine namentliche Liste über alle Personen, die in Eckernförde am 6. April festgenommen worden sind, erhalten."(13)
Offenbar hatten die Nationalsozialisten in eigener Initiative ohne Information der örtlichen Behörden gehandelt. Am selben Tage wurden weitere Personen in den frühen Morgenstunden festgenommen: Leo Allewelt, Gustav Brügmann, Lothar Dassler, Karl Gukuk, Franz Henk, Eduard Henkel, Hermann Ivers, Nikolaus Jürgensen, Johannes Kempe, Karl Kock (zwei Personen desselben Namens), Georg Langbehn, Fiete Lange, Friedrich Lange, Karl Vosgerau, Richard Vosgerau und Wilhelm Schröder. Letzterer schilderte den Vorgang so: "Wir waren acht oder vierzehn Tage vorher auf der Torpedo- Versuchsanstalt auf Hitler vereidigt worden. Wir fuhren morgens mit dem Rad zur Arbeit. Als wir an der Willers-Jessen-Schule vorbeikamen, hielt uns Louis Brenner an: 'Schröder, steig mal ab!' - 'Was ist los. ich muss doch zur Arbeit!' - 'Du musst zum Rathaus hin! Das mit der Arbeit bringen wir schon in Ordnung.' Und da war schon eine ganze Reihe von unseren Leuten versammelt; Richard Vosgerau war auch dabei. Und dann hat man uns in einen LKW verfrachtet, und ab ging's."(14)

(12) In einem Rundschreiben des Landrates vom 30. März 1933 an die Gemeindevorsteher des Kreises heißt es - den Innenminister (Kommissar des Reiches) Göring zitierend - die gewählten Vertreter der sozialdemokratischen Partei dürften an der Teilnahme an Sitzungen der Gemeindevertretungen, Stadtverordnetenversammlungen, Kreistage, Provinziallandtage nicht gehindert werden. Ein Gleiches gelte für die Teilnahme an Gemeindeversammlungen. Dies beziehe sich jedoch nicht auf die tatsächliche Behinderung einzelner dieser Mitglieder durch richterliche oder polizeiliche Maßnahmen, die aus besonderen Gründen gegen sie getroffen seien. Die Anweisung über die etwaige Beurlaubung sozialistischer Mitglieder der Gemeindevorstände und Deputationen bleibe unberührt. AInor präzisierte schließlich: "Nach dem Funkspruch IV a I 59 des Herrn Innenministers vom 24. März d. Js. sind sozialistische Mitglieder der Gemeinde, der Gemeindevorstände und Deputationen zu beurlauben, wenn eine gedeihliche Zusammenarbeit unmöglich erscheint" (STAE Borby IV d).

(13) STAE 11 H 16.

(14) Zit. nach: Schunck, Die Verhaftungswelle von Eckernförde am 6. April 1933, in: Hamer/Schunck/Schwarz (Hrsg.), Vergessen + Verdrängt (wie Anm. 6), S. 159.

 

Der Borbyer Pastor Walter Lehmann schrieb nach der Kommunalwahl 1933 in sein Tagebuch: "Die Wahl brachte 1421 Stimmen von NSDAP und Schwarz-Weiß-Rot gegen 1442 von SPD und KPD. Die Marxisten werden hier niemals aussterben. Aber die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Reich fegte mit einem Schlag auch das marxistische Regiment fort. Gewerkschaftshaus, Schule, Consumverein, Gewerkschaftsbüro wurden besetzt und mit der Hakenkreuzfahne geschmückt. Der Gemeindevorsteher Vosgerau wurde seines Amtes enthoben und an seiner Stelle der ehemalige Gutsbesitzer und seit einigen Jahren hier ansässige Parteigenosse Heime als Gemeindevorsteher eingesetzt. Er hat sein Amt im Lauf des Jahres nicht ganz zur Zufriedenheit der NSDAP und nicht sehr zur Freude der Gemeinde verwaltet. Immerhin: Das rote, antikirchliche Regiment hat aufgehört. Vosgerau und viele seiner Genossen wanderten ins Concentrationslager. Übrigens hat man Vosgerau, nachdem er viele Monate festgehalten war, wieder entlassen, ohne dass ihm Ehrenrühriges vorgeworfen werden konnte. Er lebt von Arbeitslosenunterstützung und wird von der Winterhilfe bedacht, er, der noch im vorigen Jahr die Winterhilfe hier leitete.(15)
Mit der "Schutzhaft" - zunächst in der Schleswiger Moltkekaserne und ab dem 15. Mai im Zuchthaus Rendsburg(16) -, für die es keine rechtsstaatlichen Grundlagen gab und aus der Richard Vosgerau durch einen erneuten Willkürakt am 11. November 1933 entlassen wurde, war sein aktives politisches Leben beendet. Er teilte das Schicksal ungezählter deutscher Sozialdemokraten, Kommunisten und - spätestens nach der "Gleichschaltung" am 2. Mai 1933 - Gewerkschafter. In der SPD mag man sich anfangs vage an die Unterdrückung der Sozialdemokratie unter Bismarcks "Sozialistengesetz" erinnert haben, an eine Unterdrückung durch ein nach heutigen Begriffen gemäßigt autoritäres Regime, das die legale Opposition anderer Parteien zuließ und sich bei der Verfolgung der Sozialdemokraten an die "rechtsstaatlichen" Methoden einer wenn auch noch so einseitigen Justiz hielt.(17) Dies war wohl ein Grund für die verzögerte Erkenntnis einer völlig gewandelten Situation und die schwierige Einstellung des beginnenden Widerstands auf die Normalität entfesselter staatlicher Willkür- und Gewaltherrschaft.

(15) Knut Kammholz, Die Zeit des Nationalsozialismus im Spiegel der Gemeindechroniken in der damaligen Propstei Eckernförde, in: Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde 62 (2004), S. 292.

(16) Landesarchiv 5chleswig-Holstein (im Folgenden: LAS), AbI. 357.5, NR. 290; vgl. auch Schunck, Richard Vosgerau (wie Anm. 6), S. 13; Kay Dohnke, Nationalsozialismus in Norddeutschland. Ein Atlas, Hamburg 2001, S. 47.

(17) Richard Löwenthal, Widerstand im totalen Staat; in: ders./Patrick von zur Mühlen (Hrsg.), Widerstand und Verweigerung in Deutschland 1933 bis 1945, Berlin 1984, S. 12f.

 

Nach den Worten Julius Lebers wäre Widerstand der SPD gegen das nationalsozialistische Regime durchaus möglich gewesen: "Nie hatte eine Führung eine ergebenere, eine treuere und selbstlosere Gefolgschaft hinter sich, als Wels, Müller und Breitscheid sie hatten in den Millionen organisierter deutscher Arbeiter. Als unerschütterliches Fundament standen sie voller Hingabe. Wagemutige und entschlossene Führer hätten Wunder mit ihnen vollbringen können. Sie marschierten voller Vertrauen, sie lebten in einer Opferbereitschaft ohnegleichen, ihr Glaube an die Idee kannte keinen Zweifel. Immer wieder setzten sie sich ein als einfache Soldaten eines Zieles, dem sie dienen wollten und das ihrem Leben erst Inhalt und Sinn gab. Wahlniederlagen und politische Rückschläge, da und dort aufgedeckte. Misswirtschaft, sie riefen wohl ihren Unwillen und ihre Kritik auf den Plan, aber an ihrem Glauben und an ihrer Hingabe änderte sich nichts. Die verzweifelte Unterwühlungsarbeit der Kommunisten, die heraufziehende Sturmflut des Nationalsozialismus, sie konnten diesen fundamentalen Unterbau nicht erschültern."(18)

(18) Julius Leber, Ein Mann geht seinen Weg. Schriften, Reden und Briefe von Julius Leber, zusammengestellt von seinen Freunden. Berlin 1952. S. 190.

 

Häftlingskarte Vosgeraus aus dem Zuchthaus Rendsburg; LAS, Abt. 357.5, Nr.290.

 

Wäre 1933 organisierter aktiver Widerstand sozialdemokratischer Arbeiter noch sinnvoll gewesen? Die Frage muss unbeantwortet bleiben, wenngleich manches dafür spricht, dass dieser Weg zum Bürgerkrieg geführt hätte. So waren die Gedanken von Karl Feldmann, Gausekretär des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in Schleswig-Holstein, der am 24. März 1933 in einem Schreiben an die Unterführer der Organisation die generelle Widerstands-konzeption der SPD unterhalb der polizeilichen Eingreifschwelle favorisierte, der Situation vermutlich angemessener.(19)

(19) LAS, Abt. 455, Nr. 21, 2372, 273. Vgl. auch Jürgen Weber, Das Reichsbanner im Norden: Ein Bollwerk der Demokratie?, in: DG 20 (2009), S. 127-146.

 

Haftentlassung und Überleben im Milieu. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Rendsburg im November 1933 war Richard Vosgerau für lange Zeit ohne Arbeit und Einkommen. Erst ab 1935 gelang es ihm, sich als Vertreter, später als Bezirksleiter der Hamburger "Norddeutschen Lebensversicherungs-AG" allmählich eine neue Existenz aufzubauen.(20) Diese Tätigkeit diente vor allem der Lebenssicherung seiner Familie. Aber ist sie auch als Versuch zu werten, im Rahmen seiner Möglichkeiten Widerstand zu leisten gegen ein System, dessen gewaltsame Bekämpfung als zwecklos angesehen werden konnte?
Nach dem Ende der illegalen Reichsleitung der SPD in Berlin im Dezember 1934, die einer Verhaftungswelle zum Opfer fiel, wurden Aktionen nur noch dezentral organisiert. Für den Bereich Hamburg, den Nordwesten, Pommern und Schleswig-Holstein war Richard Hansen aus Kiel zuständig. Nach seiner Flucht und der Verhaftung Willy Verdiecks übernahmen andere die Koordination der illegalen Partei in Schleswig-Holstein, und Hans-Christian Nissen gebraucht die Formulierung: "So z. B. Henning Vosgerau (21), der als Versicherungsvertreter von Kiel aus das Land bereiste." Einer Person mit derartigen Betätigungsmerkmalen mussten die Polizeibehörden zugestehen, Besuche bei einem großen Personenkreis durchzuführen, ohne sofort einen Verdacht zu schöpfen. Wenn es sich dann häufig um Genossen handelte, war naheliegend, dass mit Freunden und Bekannten leichter Verträge geschlossen werden konnten und diese auch betreut werden sollten; das bedingte weitere Besuche. -Auch schon vor seiner Zeit als Versicherungsvertreter sollen in der Schusterwerkstatt Ernst Maß in Borby häufig Treffen der Genossen stattgefunden haben, desgleichen im Hause des Steinfischers Wilhelm Stöcken. Man traf sich mit Richard Vosgerau bei Fahrten mit dem Fischkutter (22) oder auf Zeltausflügen (23) - sichere Gelegenheiten zum Meinungsaustausch. Denn erste Voraussetzung für die Formierung eines gewerkschaftlichen Widerstandes war es, den Kontakt zu halten,(24) um damit die eigene politische Überzeugung gegen den wachsenden Druck der nationalsozialistischen Propaganda zu stärken und Informationen auszutauschen.
Verlässliche Belege für die Hypothese, Richard Vosgeraus Tätigkeit als Versicherungsvertreter sei auch Teil des Widerstands gewesen, gibt es nicht. Seine anfängliche Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen System war jedenfalls zurückhaltend: "Wir sollten abwarten, die demokratische Entscheidung akzeptieren!" Wichtig sei es aber auch, den Zusammenhalt der Arbeiterbewegung zu sichern.(25) So ist sein mutmaßlich widerständiges Handeln wie bei der Mehrzahl der SPD-Aktiven nach 1933 letztlich als Rückzug auf die "defensive Milieubewahrung"(26) zu verstehen. Außerdem bedeuteten - spätestens nach der Ermordung des Kieler Rechtsanwaltes Wilhelm Siegel(27) - die gegenüber erfahrenen und leitenden SPD-Funk-tionären ausgesprochenen Terror- und Sühnemaßnahmen höchste Gefahr.(28) Auch die vielen Beispiele von Verhaftungen bekannter Sozialdemokraten sprachen sich gewiss unter den Genossen schnell herum. Erwähnt sei nur Kurt Schumacher, der am 3. Juni 1933 reichsweit zur "Schutzhaft" ausgeschrieben worden war. Er wurde am 6. Juli 1933 in Berlin festgenommen, nachdem er an einem geheimen Treffen im Schwarzwald teilgenommen hatte.(29) - Man muss also davon ausgehen, es lag in der Natur der Sache, möglichst kein Beweismaterial zu produzieren.
Ab 1934 war für Richard Vosgerau und seine Familie ein Leben in Eckemförde nicht mehr möglich; die Repressionen durch nationalsozialistische Organe wuchsen ins Unerträgliche, vier Hausdurchsuchungen mit erheblichen Zerstörungen und Diebstählen erfolgten in kurzer Zeit.(30) Er zog - auch auf den Rat eines Angehörigen der Gestapo - nach Kiel. Dort bezog er in dem Gebäude der Hamburger Versicherungsgesellschaft, für die er arbeitete, neben seinem Büro eine Wohnung. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Versicherungsvertreter der Kieler Bezirksdirektor.(31) Die Eckemförder Genossen besuchte er häufig; viele hatten bei ihm eine Versicherung abgeschlossen, und es ist nicht erkennbar, ob die damit verbundene Absicherung im Vordergrund stand oder die Möglichkeit zu relativ unverdächtiger Kontaktaufnahme.
Das letzte bekannte Foto Richard Vosgeraus entstand im Juli 1942. Es zeigt ihn, seine Frau Maria und den jüngsten Sohn Walter. Der Grund für eine kleine Feier war der Abschied von dem 19 Jahre jungen Soldaten, der nach einer Kurzausbildung an die Front kommandiert wurde. Am 4. September 1942 erreichte Familie Vosgerau aus Russland die Nachricht vom Tod des Sohnes Bruno. Mit Datum vom 28. September 1943 kam Anfang Oktober ein Brief aus dem Gebiet Jelna-Roßlawl in Russland. Er enthielt - mit Ausdruck der Anteilnahme - die Nachricht, der Gefreite Walter Vosgerau habe bei einer militärischen Operation den Anschluss verloren, gelte seit dem 28. August 1943 als vermisst und könne in russische Gefangenschaft geraten sein.(32)
Ein Bombenangriff auf Kiel zerstörte 1943 das Gebäude der Versicherungsgesellschaft, damit auch Büro und Wohnung Vosgeraus. Das Ehepaar Vosgerau zog nach Eckernförde, wo mit Hilfe von Genossen auf einem Grundstück der Familie in der "Hasenheide" ein kleines Haus gebaut und im Frühjahr 1944 bezogen wurde. Hier warteten Maria und Richard Vosgerau auf das Kriegsende.

(20) Schunck, Richard Vosgerau (wie Anm. 6), S. 13.

(21) Nissen, 1933-1945 (wie Anm. 4), S. 481. Nissen verwendet zwar den Vornamen "Henning", aber Verf. ist - in Übereinstimmung mit Prof. Uwe Danker, Universitiät Flensburg - der Ansicht, dass Richard Vosgerau, Eckernförde, gemeint sein muss.

(22) Schunck, Richard Vosgerau (wie Anm. 6), S. 170f.

(23) Harald Amman, Gespräch mit dem Verf. am 24.7.2008 in Holzbunge.

(24) Vgl. Michael Schneider, Gewerkschafter unter nationalsozialistischer Diktatur: Verfolgung, Widerstand und Exil 1933-1945, in: DGB-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-5tiftung (Hrsg.), Erschlagen - Hingerichtet - In den Tod getrieben. Gewerkschafter als Opfer des Nationalsozialismus. Mit einem Geleitwort von Dieter Schulte, zusammengestellt von Klaus Mertsching, Bonn 1995, S. 22.

(25) Rudi Jürgensen, Hermann Ivers und seine Genossen. Frauen und Männer aus Eckernförde im Widerstand, Goldebek 2000, S. 21.

(26) Thomas Pusch, Politisches Exil als Migrationsgeschichte. Schleswig-Holsteiner EmigrantInnen und das skandinavische Exil 1933-1960, Diss., Flensburg 2003, S. 99.

(27) "Am Sonntag, dem 12.3.1933, nachts um 02:30 Uhr, begehrten zwei Nationalsozialisten, davon einer in SA-Uniform, Einlass in die Wohnung Spiegels in Kiel. Sie töteten den vor ihnen her in sein Arbeitszimmer gehenden Mann durch einen Schuss in den Hinterkopf. Bei der Beerdigung Spiegels auf dem Alten Urnenfriedhof bildeten Tausende von Kieler Arbeitern schweigend Spalier. Im "Dritten Reich" wurde die Aufklärung des Mordfalles verhindert. Ein noch 1945 verhafteter früherer SS-Mann, der der Mittäterschaft verdächtigt wurde, nahm sich in der Untersuchungshalt das Leben." Ehrengräber in Kiel: Wilhelm Spiegel, Rechtsanwalt ( http://www.kiel.de/leben/friedhoefe/ehrengraeber/spiegel.php 15.9.2011).

(28) Pusch, Politisches Exil (wie Anm. 26).

(29) STAE 11 H 16; http://www.hdg.de/lemo/html/biografien/SchumacherKurt/index.html (15.09.2011).

(30) Schunck, Richard Vosgerau (wie Anm. 6), S. 77.

(31) Ebd.

(32) Das Amtsgericht Kiel, Abt. 21, erklärte Walter Vosgerau am 6. Dezember 1956 für tot. "Es wird festgestellt, dass er am 28.8.1943 im Raum Alferowo (Russland) gefallen ist." Maria Vosgerau hat sehr Iange gezögert, die Todeserklärung ihres jüngsten Sohnes zu beantragen. Erst nach 1955, als es Bundeskanzler Kanrad Adenauer gelungen war, die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus Russland zurückzuholen, entschloss sie sich zu dem Schritt (Schreiben aus Russland und gerichtliche Todeserklärung - zur Verfügung gestellt durch Reimer Vosgerau, Quickborn).

 

Richard und Maria Vosgerau mit Sohn Walter im Juli 1942; Familienbesitz, zur Verfügung gestellt durch Maria Vosgerau, Eckernförde.

 

 

"Aktion Gewitter": Die Verhaftungswelle nach dem 20. Juli 1944. Dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 folgte knapp vier Wochen später ein umfassender Rache- und Vergeltungsfeldzug des NS-Regimes. In einem geheimen Fernschreiben der Abt. IV des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) vom 17. August 1944 an alle Gestapoleitstellen im Deutschen Reich gab Gestapochef Heinrich Müller bekannt, der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler habe eine große Verhaftungswelle befohlen. Festzunehmen seien alle früheren Reichs-, Landtags- und Stadtverordneten von KPD und SPD sowie alle ehemaligen Gewerkschafts- und Parteifunktionäre der SPD(33), gleichgültig, ob im Augenblick ein Grund vorliege oder nicht. Lediglich über 70-jährige, Kranke und solche, die sich mittlerweile um das System "verdient" gemacht hätten, seien zu verschonen. Die Verhaftungen sollten reichsweit in den frühen Morgenstunden des 22. August erfolgen. Es wurde befohlen, die Festgenommenen unverzüglich dem nächsten Konzentrationslager der Stufe I ("Für alle wenig belasteten und besserungsfähigen Schutzhäftlinge, außerdem für Sonderfälle und Einzelhaft") zu überstellen. Gleichzeitig musste beim RSHA die Zahl der Festgenommenen bis zum 25. August gemeldet werden. Himmlers Befehl lief unter dem Decknahmen "Aktion Gewitter" und wurde ausdrücklich als "Präventivmaßnahme" bezeichnet.(34)

(33) Staatsarchiv Bremen, 5,4.

(34) Detlef Korte, "Aktion Gewitter" in Schleswig-Holstein, in: DG 3 (1988), S. 521.

 

Erneut in "Schutzhaft" nach der "Aktion Gewitter": Antwort der Gestapo Kiel auf die Anfrage von Maria Vosgerau nach dem Verbleib ihres Ehemannes; AGN, Hans-Schwarz-Archiv, Dokumente von Einzelpersonen, 13-7-8-1.

 

In Schleswig-Holstein leitete die GestaposteIle Kiel die Anordnungen des RSHA an die Kreispolizeibehörden weiter. Sie musste die in Frage kommenden Personen "an Hand von Listen, die seit langem vorbereitet waren"(35) ermitteln, festnehmen und in das Kieler Polizeigefängnis transportieren lassen. Die willkürliche Festlegung des auszuwählenden Personenkreises öffnete persönlich einflussreichen und argumentativ zugkräftigen NS-Lokalfunktionären Verhandlungsspielräume mit der Gestapo. So wurde der ehemalige führende Itzehoer Sozialdemokrat Wilhelm Schubert verschont. Der NS-Bürgermeister hatte sich eingeschaltet und geltend gemacht, dass Schubert als "Kriegsaushilfsangestellter" im Quartieramt der Itzehoer Stadtverwaltung unentbehrlich war.(36) Aus Eckernförde, der "Braunen Stadt am Meer" ,(37) ist eine derartige Vorgehensweise nicht bekannt. Richard Vosgerau wurde am 22. August 1944 verhaftet und nach Kiel gebracht. Seine Frau, die sich verzweifelt bemühte, ihrem Mann zu helfen, erhielt auf eine Anfrage nur minimale Informationen - und auch diese erst nach zwei Monaten.(38)

(35) Gertrud Meyer, Nacht über Hamburg. Berichte und Dokumente, Frankfurt am Main 1971, S. 188.

(36) Rudolf Irmisch, Geschichte der Stadt Itzehoe, Itzehoe 1960, S. 437.

(37) Karl-Friedrich Schinkel, Eckernförde. Ein Spaziergang durch die Stadtgeschichte, Horn-Bad Meinberg 2001, S. 411.

(38) Kriminalsekretär Heldt, der Maria Vosgerau geantwortet hatte, wurde am 2.7.1949 wegen Zugehörigkeit zur Gestapo und zur SS zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Laut der Handakte der Staatsanwaltschaft beim Landgericht in Kiel zur Strafsache gegen Heldt wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit befürwortete Staatsanwalt Mannzen am 6.4.1950 die Einstellung des Verfahrens (2 Js 449/49). Offenbar war es Heldt gelungen, die ihm zur Last gelegten Beschuldigungen zu entkräften, wie in der Vernehmung am 24.10.1949 am Beispiel des Sozialdemokraten Schmeckel aus Husum belegt ist (LAS, Abt. 352, Kiel, Nr. 893).

 

Im Konzentrationslager Neuengamme. "In SchIeswig-Holstein sind ab 22. August 1944 insgesamt etwa 30 Frauen und 90 Männer nach Kiel überführt worden. Das Gestapo-Kommissariat IV 1 a hatte offenbar Probleme, die Unterbringung der Häftlinge nach Anweisung im RSHA-Fernschreiben vom 17. August 1944 zu regeln. Auf die Bitte des Leiters der GestaposteIle um neue Instruktionen ordnete das Reichssicherheitshauptamt an, die Frauen in Kiel zu belassen und nur die Männer per Sammeltransport in das KZ Neuengamme zu schaffen."(39) Unter den verhafteten Frauen, die im PoIizeigefängnis eingesperrt waren, befand sich die bekannte Kieler Sozialdemokratin Gertrud Völcker. Sie berichtete, es seien fast 70 Frauen zusammengetrieben worden, viele ehemals mit kommunalen Tätigkeiten befasste, dazu Frauen und Mädchen aus Polen und Russland, die von Nazis aus den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit nach Deutschland verbracht und wegen Geringfügigkeiten, dem Verdacht der Spionage oder Arbeitsverweigerung, ins Gefängnis gebracht worden waren.

(39) Reimer Möller, Widerstand und Verfolgung in einer agrarisch-kleinstädtischen Region: SPD, KPD und ,Bibelforscher' im Kreis Steinburg 1933 - 1945, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 114 (1989), S. 221.

 

Konzentrationslager Neuengamme - Ernest Gaillard "Le Crématoire et le Puffon"; AGN, Hans-Schwarz-Archiv, Dokumente von Einzelpersonen, 13-7-8-1.

 

 

Antwort des Lagerarztes des KZ Neuengamme an Vosgeraus Sohn; Familienbesitz, zur Verfügung gestellt durch Maria Vosgerau, Eckernförde.

 

In Neuengamme wurden etwa 450 "Gewitteraktionäre", wie sie in der Lagersprache hießen, eingeliefert.(40) Sie kamen neben den Schleswig-Holsteinern aus Hamburg, Niedersachsen, Pommern, Mecklenburg, einzelne auch aus Westdeutschland und erhielten Nummern ausschließlich aus der Gruppe 43000, Richard Vosgerau die Nr. 43398.(41) Im weiteren Verlauf dieser Aktion trafen im September und Oktober 1944 erneut Häftlinge aus Mecklenburg und Pommern ein, dazu einige aus Rheinland-Westfalen, die seit August schon in anderen Haftanstalten oder Konzentrationslagem gefangengehalten worden waren.
Von den ersten 450 Häftlingen der "Aktion Gewitter" starben in Neuengamme 80 innerhalb kurzer Zeit. Viele gingen auf den Außenkommandos, bei den Evakuierungsmärschen, auf Invalidentransporten und im Lager Bergen-Belsen zugrunde.
Richard Vosgerau jun., Krankenkassen-Inspektor und zu dem Zeitpunkt 34 Jahre alt, erhielt auf einen seiner vielfältigen Versuche, sich für den Vater einzusetzen, im Oktober aus Neuengamme die Nachricht, sein Vater sei wegen eines "Magenleidens" in ambulanter Behandlung und werde im Lager nur mit leichten Arbeiten beschäftigt. In Kenntnis der Praktiken von SS-Ärzten(42) nach dem heutigen Stand der Geschichtsforschung konnte der Aussage keine Bedeutung beigemessen werden, dürfte aber in dieser Situation von dem Empfänger als gewisse Beruhigung verstanden worden sein.

(40) Korte, "Aktion Gewitter" (wie Anm. 34), S. 524.

(41) Archiv der Gedenkstätte Neuengamme (im Folgenden: AGN), Schriftendokumentenarchiv Sign. Nr. 3.3.2, Quelle 1210, Namentliche Liste von Häftlingen, deren Effekten sich in Husum in Verwahrung der Militärregierung befinden.

(42) In den Archiven findet sich kein Hinweis auf den SS-Lagerarzt. Reimer Möller, AGN, teilte auf Anfrage mit, in der Publikatian von French L MacLean, The Camp Men. The SS officers who ran the Nazi concentratian camp system, Atglen 1999, sei der Name Dr. Theodor Lange zu finden, es könne sich um den Arzt in Neuengamme handeln.

 

Im größten Konzentrationslager Nordwestdeutschlands befanden sich von 1938 bis 1945 mehr als 100.000 Häftlinge aus ganz Europa. Im Hauptlager und den 86 Außenlagern starben mindestens 42900 Menschen(43) an Krankheiten, Hunger, Kälte, Erschöpfung und bei Kriegsende im Zuge der Lagerräumungen oder wurden durch das Wachpersonal ermordet.

Hermann Clausen, Sozialdemokrat aus Schleswig, war wie Richard Vosgerau im Rahmen der "Aktion Gewitter" nach Neuengamme verschleppt worden. Wie Clausen in seinen Erinnerungen berichtet, schliefen beide zeitweilig auf derselben Pritsche, hatten trotz unmenschlicher Lebensumstände ihren Humor nicht ganz verloren und begrüßten einander morgens in der Hoffnung auf eine Zukunft mit den Ämtern, die sie eines Tages bekleiden würden. Vosgerau sagte zu Clausen: "Guten Morgen, wie haben Herr Bürgermeister geschlafen?" Clausen antwortete: "Danke, Herr Landrat, für die gütige Frage, sehr gut!" Die beiden sprachen auch über die Aussichten eines Neubeginns. Clausen schimpfte, wie er dazu komme, den Misthaufen der Nazis, den sie in 12 Jahren zusammengetragen hätten, abzuräumen. Und sagte: "Wenn ich in der Diskussion dann so in Brass war, sah Richard mich an und lächelte: "Als Bürgermeister von Schleswig brauchst Du gar nicht zu arbeiten, Du brauchst gar nicht mal einen juristischen Berater, keinen Syndikus, Du brauchst nur einen vernünftigen Menschenverstand und einige tüchtige Beamte. Deine Aufgabe ist es, den richtigen Mann an den richtigen Platz zu setzen, nur organisieren, und das kannst du, lieber Freund! Die Arbeit muss gemacht werden für unsere Landsleute, für unser Volk, denn wenn die Nazis abgewirtschaftet haben, müssen wir eine neue Demokratie gründen. Dazu brauchen wir jeden Mann, denn viele von uns sind tot."(44) Diese Gedanken Vosgeraus waren sicher eine Fortführung der Überlegungen, die er im Familien- und Freundeskreis schon früher geäußert hatte, wenn man sich an Wochenenden in seinem neuen Heim in Eckernförde um ihn scharte. Es wurden Pläne für das sich abzeichnende Ende des Krieges geschmiedet.(45)
Clausen wurde am 19. September 1944 nach vielfältigen Interventionen seines als Marineoffizier tätigen Sohnes aus Neuengamme entlassen. Das von ihm über zwei Jahrzehnte später erinnerte Gespräch muss also vor diesem Datum stattgefunden haben. Spätere Quellen mit Äußerungen Richard Vosgeraus sind nicht bekannt.
Ende 1944 ist Vosgerau jun. nach eigenem Bericht auf einer Dienstreise als Krankenkassen-Inspektor nach Berlin in der Prinz-Albrecht-Straße vorstellig geworden, um sich für seinen Vater einzusetzen, also im RSHA, dem Sitz des Terrorapparates der NS-Diktatur. Wenn diesem Wagnis 'nur' die Versetzung an die russische Front folgte, ist es als Wunder zu betrachten. Man bedenke, der Sohn eines im KZ gefangenen Sozialdemokraten bittet in der Zentrale der Unmenschlichkeit in Berlin für seinen Vater, Ende 1944, als das Regime selbst geringste Formen des Widerstandes furchtbar bestrafte! Auch Maria Vosgerau versuchte das Unmögliche: Wie Harald Ammann, der Sohn Mathilde "Tilly" Ammanns, Genossin und Gemeindevertreterin in Borby, berichtet, versuchte sie zusammen mit Tilly Ammann ihn in Neuengamme zu besuchen. "Aber der Versuch schlug fehl - sie kamen nur bis zur Wache".(46)

Näheres über die Reise - außer der Tatsache, dass sie stattgefunden hat - ist in der Familie Vosgerau nicht bekannt. Angesichts der Zustände in Hamburg nach den alliierten Bombardements vom Sommer 1943 und der seit Ende 1944 nur noch selten regelmäßig verkehrenden öffentlichen Verkehrsmittel kann man nur vermuten, welcher Aufwand mit diesem Versuch verbunden gewesen sein muss.

(43) http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/index.php?id=9 , 7.2.2009.

(44) Hermann Clausen, Der Aufbau der Demokratie in der Stadt Schleswig nach den zwei Weltkriegen. Erinnerungen, hrsg. von Lorenz Rerup, Flensburg 1966, S. 154ff. Der Bahnbeamte und Reichsbannermann war 1920 maßgeblich an der Niederschlagung des Kapp-Putsches in seiner Heimatstadt beteiligt gewesen und hatte 1933 sein Amt als Stadtverordneter niederlegen müssen. Er wurde am 22.8.1944 durch die Schleswiger Kriminalpolizei verhaftet. Vgl. Korte, "Aktion Gewitter" (wie Anm. 34), S. 523.

(45) Richard Vosgerau jun., in: SPD-Ortsverein Eckernförde (Hrsg.), Sozialdemokratie in Eckernförde. Texte, Bilder und Dokumente aus 100 Jahren, Eckernförde 1991, S. 32.

(46) Amman (wie Anm. 23). Im Anerkennungsverfahren für Hinterbliebene politisch Verfolgter, angestrengt durch Maria Vosgerau, wurde ihr Hilfeversuch am 22.2.1946 erwähnt: Sie habe etwas zum Essen in das Konzentrationslager bringen wollen, aber: "Zutritt zum KZ niht gewährt" (LAS, Abt. 761, Nr. 1531). Ob Maria Vosgerau ihrem Mann auch Päckchen nach Neuengamme geschickt hat, wie die Enkelin Gudrun Möhl im Gespräch mit dem Verl. am 4.8.2009 sagte, lässt sich nicht belegen.

 

Das Ende. Am 14. April 1945 befahl Himmler den Kommandanten der Konzentrationslager per Funkspruch: "Die Übergabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen."(47) Inzwischen rückten die britischen Truppen jenseits der Elbe auf Hamburg vor. Von den Zehntausenden Gefangenen des Lagers Neuengamme befand sich zu dieser Zeit der größte Teil auf Außenkommandos. Wie unzählige Häftlinge anderer Lager wurden sie auf Evakuierungsmärschen fortgetrieben. Zusammengepfercht in Güterwagen oder zu Fuß von Etappe zu Etappe gejagt, gingen sie zu Tausenden an Hunger, Kälte, Durst, Krankheiten und Erschöpfung zugrunde. Tote wurden aus den Waggons geworfen, wer bei Fußmärschen nicht weiter konnte, wurde von der SS erschossen.
Ende 1944 hatte Himmler durch den "Katastrophenerlass" dem Höheren SS- und Polizeiführer Georg-Henning von Bassewitz-Behr die Vollzugsgewalt übertragen. Bassewitz-Behr ordnete in Absprache mit dem Hamburger Reichsstatthalter Karl Kaufmann in dessen Eigenschaft als "Reichskommissar für die Seewirtschaft" an, die Gefangenen des Lagers Neuengamme auf Schiffe zu verladen, um sie auf die Ostsee hinauszuführen. Dort sollte der Befehl Himmlers ausgeführt werden.(48) Das Stammlager wurde mit Eisenbahntransporten und in einer Marschkolonne in der Zeit vom 22. bis zum 26. April nach Lübeck "evakuiert". Zuvor wurden alle Karteien und Unterlagen über den Häftlingsbestand, darunter auch die zahllosen Hinrichtungsakten, auf Anordnung des damaligen Kommandanten, des SS-Sturmbannführers Max Pauly, in den Öfen des Krematoriums verbrannt.(49) Im Lager blieben etwa 400 Häftlinge zurück. Sie bewohnten die Steinbaracke Nr. 24. In den ersten Tagen arbeiteten sie weiter in ihren Kommandos beim Packen der Waren und Reinigen der Arbeitsräume. Die Vorrichtungen für das Erhängen der Häftlinge im Bunker wurden vernichtet. Später wurde das Lager gesäubert und vor allem die Spuren von Misshandlungen und Tötungen beseitigt. Kurz vor der endgültigen Räumung wurden die Häftlinge in eine ehemalige Revierbaracke verlegt, um das Reinigen des Blocks Nr. 24 zu ermöglichen. Die letzten rund 170 Häftlinge wurden am 30. April in einer Doppelreihe aufgestellt. Der Lagerkommandant machte eine Musterung, suchte zehn Häftlinge, hauptsächlich Lagerprominente aus, schlug sie mit dem Ochsenziemer, dann kam der Abmarsch. Das Häftlingsorchester spielte das Lied "Alte Kameraden".(50)

(47) Zit. nach: Stanislaw Zàmečnik, "Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen". Zur Existenz des Himmler-Befehls vom 14./18. April 1945. In: Dachauer Hefte 1 (1985), S. 219-231.

(48) Meyer, Nacht über Hamburg (wie Anm. 35), S. 191f.

(49) Ebd.

(50) Bogdan Suchowiak, Mai 1945: Die Tragödie der Hältlinge von Neuengamme, Reinbek 1985, S. 88f.

 

Auch Richard Vosgerau wurde nach Lübeck verbracht. Nähere Informationen über diese letzten Tage des Sozialdemokraten sind nicht überliefert. Die furchtbaren Umstände lassen sich jedoch mit einem Bericht eines Leidensgenossen zumindest erahnen. So berichtete der Musiker Ernst Schneider, der im Alter von 27 Jahren in das KZ Sachsenhausen verschleppt und dann nach Neuengamme gebracht worden war, in seinem Tagebuch von dem Transport in die Lübecker Bucht und der anschließenden Tragödie: Bei dem britischen Angriff auf die Häftlingsschiffe - die Piloten hielten die "Cap Arcona" und andere Schiffe irrtümlich für militärische Truppentransporter - starben über 7000 Menschen. Nur 500 Schiffbrüchige überlebten die Katastrophe.(51) Damit hatte der Befehl Himmlers, kein Häftling dürfe in die Hand des Feindes fallen, sein Ziel beinahe erreicht, obwohl dessen von Zufällen, Ungereimtheiten und Widersprüchen geprägte Ausführung vielleicht auch hätte verhindert werden können.
Über die Umstände des Todes Richard Vosgeraus gibt es keine Quellen. Wenn er in der marginalen Literatur zum Komplex "Tod auf der Cap Arcona" in unterschiedlichen Formulierungen genannt wird, stammen die Angaben aus der Datenbank des Archivs der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. An der Datenbank über Häftlinge wird seit 30 Jahren gearbeitet. Bisher sind die Namen von 44.000 der über 100.000 Häftlinge erfasst. Der Eintrag zu Vosgerau gibt Todesort und -zeit an und basiert auf einer Fragebogen-Aktion des DGB unter seinen Mitgliedsgewerkschaften im Jahre 1951, mit der dann im Jahre 1959 im "Jahrbuch für die deutschen Gewerkschaften" eine "Ehrentafel für während des Dritten Reiches ermordete Gewerkschaftsmitglieder" veröffentlicht wurde. Zu Vosgerau heißt es dort: "Richard Vosgerau Eckernförde - Sekretär des ADGB. Mit ,Kap Arcona' 1945 untergegangen."(52) Der DGB-Bundesvorstand erhielt seine Kenntnis über den Tod Richard Vosgeraus im Rahmen dieser Umfrage über den DGB-Kreisausschuss Eckernförde, und dieser hatte die Information vermutlich aus der Familie Vosgerau bekommen.
"Richard Vosgeraus Hoffnungen [auf einen Neuanfang; U.G.] gingen nicht in Erfüllung. Seine Familie und seine Freunde, Kollegen und Genossen aus der Eckernförder Arbeiterbewegung haben nach der Befreiung lange vergeblich auf seine Rückkehr gewartet. Mit dem Gedanken, ihn für immer verloren zu haben und auf seine Initiative und Erfahrung beim Neuanfang und beim Wiederaufbau der demokratischen Institutionen verzichten zu müssen, konnte man sich kaum abfinden. Erst allmählich überwand man die anfängliche Lähmung; der Neubeginn in Eckernförde ist hierdurch zweifellos verzögert und auf jeden Fall erschwert worden. Mit der Zeit sickerten die Nachrichten durch, die zur Gewissheit werden ließen, dass Richard Vosgerau das Ende des Krieges nicht mehr erlebt hatte.(53) Vosgerau wurde dann 1949 amtlich für tot erklärt.

(51) Wilhelm Lange, Cap Arcona. Das tragische Ende der KZ-Häftlingsflotte, Neustadt 1988, S. 86ff.

(52) Zit. noch einem Schreiben von Klaus Mertsching (Redakteur von ,Erschlagen - Hingerichtet - In den Tod getrieben', wie Anm. 24), DGB-Archiv des Archivs der sozialen Demokratie, vom 11.8.2008 an Verf.

(53) Sozialdemokratie in Eckernförde (wie Anm. 45), S. 33.

 


Die brennende Cap Arcona aus der Sicht eines Piloten, voll besetzt mit Häftlingen; Imperial War Museum, London; http://www1.uni-hamburg.de/rz3a035/arcona.html , wikipedia "public domain", 20.8.2009

 

Am 20. April 1945 mußte das Lager Ng. plötzlich von allen Häftlingen geräumt werden. ( ... ) So wurden wir in der Nacht in kleinen Gruppen zu je 50 Häftlingen mit guter Bewachung durch die SS zum Zuge geführt. In einem schmutzigen, verkalkten Güterwagen wurden wir verladen. ( ... ) Nachdem wir die halbe Nacht in unseren Ecken hockten und warteten, setzte sich der Zug endlich in Bewegung. Drei mürige SS Posten hatte man uns mitgegeben als Bewachung. ( ... )
Gegen mittag am 21. kamen wir in Lübeck an u . wurden dann etwas später im Hafen in einen Frachtdampfer (Thielbeck) verladen. ( ... ) in den Verladeräumen wurden so viele Häftlinge reingeferscht so das es nicht möglich war nur einen Moment unberührt dazustehn. Liegen war vollständig unmöglich. Als ich im Verladeraum nach unten ging, blieb mir die Spucke weg. Die Häftlinge hier unten saßen wie die Spatzen auf den Schweißbrettern welche an den Seiten des Schiffes befestigt waren. Und ein Gestank, kein Lichtstrahl. Der eine aß, sein Nebenmann schiss auf den Boden. Dieses ist nicht zu erzählen. In dem Zustand verweilten wir ungefähr 7-8 Tage. Für einen Schluck Wasser mußte man Zigaretten oder Kaffe oder ähnliches eintauschen. Manchmal gab es Lagerverpflegung. Brot hatten wir lange nicht bekommen, dann gab es mal etwas warmes. Reines Steckrübenwasser mit Salz schmackhaft gemacht. Es war ein Essen, wobei man in kürzester Zeit des Hungertodes sterben konnte. ( ... )
Dann kam der Tag, wo wir verladen wurden in ein anderes Schiff Namens ATHEN. Die ATHEN brachte uns dann zu dem großen Luxusdampfer Cap Arkona. Die Cap Arkona lag in der Neustädter Bucht. ( ... )
Gegen 3 Uhr wohl am 3. Mai, die Sonne schien wunderbar, die See war ganz frei von Fahrzeugen und größeren Schiffen, ausgenommen das Schiff Thielbek, welches vielleicht 200 m von uns entfernt geankert lag und die Deutschland, welche noch eine weitere Entfernung von uns hatte. Auf beiden Schiffen waren ebenso Häftlinge drauf wie bei uns.
Ich befand mich gerade ( ... ) auf einem Besichtigungsspaziergang auf Deck B. Als wir im großen Speisesaal waren, bebte plötzlich unser Schiff. ( ... ) Ich sah durchs Bullauge plötzlich englische Flieger direkt im Tiefflug auf die Cap Arkona kommen. Schon krachte es. Einige flogen sofort auf den Boden, einer nach dem anderen verließ die Kabine, da dies die Angriffsseite war. Die Scheibe im Bullauge drehte sich mehrmals um die eigene Achse. Einige Splitter flogen umher, ( ... ) Bomben fielen, es krachte furchtbar, eine Salve nach der anderen. Wir befürchteten eine Kesselexplosion. In den Gängen rauchte es stark. Man bekam keine Luft mehr. Vor allen Kabinen rannten die Menschen ratlos umher. ( ... ) Feuer! Das Schiff brennt. Nun hieß es für mich, sofort auf offener Deck zu gehen sonst wärest du erledigt, erstickt oder verbrannt. Mit einigen Schwierigkeiten kam ich dann auf dem Vorderschiff auf offenem Deck an. Von hier aus konnte man den gewaltigen Brand des Schiffes beobachten. in dem vorderen Ladeluck schaute ich, wie gepresst die Menschen drin waren, an die eiserne Leiter welche dort befestigt war, rauf wollten. Die Hitze wurde immer stärker. Es hieß, alle Lumpen u. Klamotten ins Wasser werfen, damit es kein Feuer fängt. Ich hatte meine Jacke, Schuhe u. allen Ballast ins Wasser geschmissen, nur meine Hose habe ich angelassen. u. wartete nun der Dinge, die da kommen sollten. Einige beherzte Männer nahmen Eimer u. goßen Wasser auf Deck damit das Feuer nicht bis zu uns heran kommen konnte. Gewaltige Flammen schlugen aus dem Ladeluk heraus. Einige Explositonen erfolgten. Einer flog hoch im Bogen in die Luft über Bord ins Wasser. Da der Wind günstig stand, hatten wir Glück nicht zu Verbrennen. Vom Reling bis zum Wasserspiegel waren es wohl ungefähr 8 Meter. Viele sprangen ins Wasser, mit und ohne Schwimmwesten u. versuchten. sich an die von Land kommenden Rettungsschiffe zu ketten. Jedoch auf diesen Versuch hin, sind viele durch die Kälte des Wassers erstarrt. Auch kamen die Rettungsboote nicht näher an uns heran. Die Flieger überflogen im Kreisflug unser Schiff. Die Häftlinge, die sich zu hunderte auf dem Vorderschiff, wo sie aneinandergepresst standen gefunden haben, schwenkten ihre Taschentücher oder Lumpen zu den Fliegern, da sie glaubten sie würden uns neu Bombardieren. Auch sah man jetzt auf unserem Schiff die weise Flagge. Aber leider zu spät. Jetzt konnte man auch beobachten wie das Schiff die ,,Deutschland" bombardiert wurde u. nach wenigen Minuten hell in Flammen stand. Und die .. Thielbeth" ist innerhalb von 30 Minuten gesunken. ( ... ) Nirgendwo Rettung. Jetzt ungefähr nach 2 stündlicher Beobachtung u. Ängsten legte sich das Schiff schnell um. Und wir wurden einer nach dem anderen, trotzdem wir uns gegenseitig versuchten festzuhalten ins Wasser geschüttet. In welcher Todesgefahr wir hier waren, kannst Du Dir ja denken! Einer klammerte sich am anderen fest. und so konnte auf diese Weise auch der beste Schwimmer ums Leben kommen. Ich selbst hatte schon wasser geschluckt u. dachte, nun ist's wohl zu Ende. Ich bemerkte das sich Jemand an mir festklammerte, ich riss mich los, was mir auch gelang. Als ich wieder mit dem Kopf über Wasser kam schwamm ich direckt auf das Schiff zu, um mich dort festzuklammern u. auszuruhen, denn ich war beinahe fertig. Zum Glück lag das Schiff schon auf dem Meeresgrund und ragte noch ungefähr 7 m aus dem Wasser. Mein Bruder Karl H. hielt sich plötzlich auch hier fest. Pass auf, sagte ich zu ihm: Hier ist alles heis. Eine leichte Brandwunde an meiner rechten Hand und an meinem linken Arm, hab ich noch Heute. Nachdem wir uns etwas erhohlt hatten, sagte ich zu Kar!: Wir müssen sehen, daß wir nach oben kommen, vielleicht kommt gegen Abend doch noch ein Rettungsboot. ( ... ) Ich klapperte sehr stark mit den Zähnen u. spuckte auch Blut.
Auf einmal hörte ich oben auf dem Rumpf des Schiffes meinen weiteren Bruder namens Alfred K. herumhantieren. Er war Seemann. ( ... ) Er rettete ungefähr 20 Russen. Er rief mir zu: Was machst Du denn da unten, komm rauf, es kommt ein Rettungsboot. Er warf mir ein Tau zu, an dem ich an der Eisenwand des Schiffes die noch nicht ganz abgekühlt war rauf kletterte. Oben angelangt, half ich noch zwei Russen ( ... ) nach oben. ( ... )
Inzwischen legte das Rettungsboot an, und nahm ungefähr 300 bis 310 Gerettete mit an Land. Ein Marinesoldat war so gütig und gab mir seinen eigenen Militärrock, den ich sofort anzog, den es war mir sehr kalt, da ich nur noch meine Hose und ein zerrissenes Hemd anhatte. Bei dunkelheit schifften wir in der Neustädter Bucht an Land ein. Auf einer Brücke sah ich die Engländer mit ihren Panzern und sonstigen Wagen ankommen. Sie wiesen uns den Weg zur Kaserne. ( ... ) Man könnte ja noch vieles schreiben, über unser gewaltiges, dramatisches Erlebnis. Von den 5500 Häftlingen sind ungefähr 400 bis 500 gerettet worden mit einigen ganz wenigen Marinesoldaten.
Heute, am 20. Mai 1945 an welchem ich mein Erlebnis beendet habe es niederzuschreiben, sehe ich zu, daß ich in meine Heimatstadt Düsseldorf zurück reisen kann. ( ... )
Auch haben die Posten, welche sich auf dem sinkenden Schiff befanden. auf wehrlose sich rettende Häftlinge geschossen.

Neustadt, d. 20. 5.1945

Die Cap-Arcona-Katastrophe im Spiegel des Tagebuchs von Ernst Schneider; AGN, Haftlingsberichte, Nr. 1217. Das Tagebuch, ursprünglich handschriftlich verfasst, wurde am 20. April begonnen und endet am 20. Mai 1945. Der Text wird hier in der originalen, aber gekürzten Fassung wiedergegeben.

 

Entschädigungen. Während der "Schutzhaft" Richard Vosgeraus vom 6. April bis 11. November 1933 in der Schleswiger Moltkekaseme und im Zuchthaus Rendsburg erhielt seine Frau für sich und zwei Kinder aus der "Wohlfahrtsunterstützung" der Gemeinde Borby eine wöchentliche Zuwendung von RM 11,50, die in der Gemeindekasse abzuholen war.
Nach 1945 nahmen das Antragverfahren auf eine Hinterbliebenenrente als Verfolgter des nationalsozialistischen Regimes sowie der Antrag auf Haftentschädigung ihren Beginn am 22. April 1946(54) und endeten mit einem Vergleich zur Haftentschädigung am 25. Januar 1958.(55) Bis zur ersten Rentenzahlung am 2. September 1948 erfolgte die Unterstützung durch die "Wohlfahrt" und den Kreissonderhilfsausschuss der Landkreisverwaltung, der zu jeder Sonderzahlung wie zum Beispiel für eine Malerrechnung oder die Anschaffung eines Eimers einen Antrag benötigte. Der notwendige Anbau an das kleine Behelfsheim, das durch Richard Vosgerau und seine Genossen kurz vor Kriegsende errichtet worden war, konnte nach Einstufung aus der Dringlichkeitsstufe II in die Stufe I begonnen werden.
Am 2. April 1948 wurde die erste Hinterbliebenenrente festgelegt. Sie betrug (nach der Währungsreform am 21. Juni) DM 140 pro Monat. Der offizielle "Feststellungsbescheid zur Rente als Hinterbliebene des Gewerkschaftssekretärs Richard Vosgerau, der an der Verfolgung gestorben ist", erging am 16. Dezember 1950 mit DM 106,10 pro Monat (nach Abzug der angerechneten Angestelltenrente Maria Vosgeraus von DM 33,90). Die Entscheidung, den Gewerkschaftssekretär wie einen Beamten des gehobenen Dienstes einzustufen, ergab am 27. November 1953 eine Rente von DM 168 nach dem Bundesversorgungsgesetz. Im Zuge von Regel-Erhöhungen der Renten stieg die Summe kontinuierlich und betrug am l. Januar 1966 DM 512.
Der Antrag, die Haftentschädigung für die Zeit der "Schutzhaft" in Schleswig und Rendsburg sowie die Haft im Konzentrationslager Neuengamme vom 20. August 1944 bis 3. Mai 1945 an die Hinterbliebene(56) auszuzahlen, wurde abgelehnt Auch die Gewährung des "Armenrechtes" im Rahmen des Prozesskostenzuschusses für eine von Maria Vosgerau angestrengte Klage vor dem Verwaltungsgericht wies die Landesregierung Schleswig-Holstein am 5. September 1951 mit folgender Begründung zurück: "Die Klägerin hat während der Inhaftierung ihres Mannes keinen Schaden erlitten, der über das übliche Maß hinausgeht." Maria Vosgerau zog die Klage zurück und zahlte die Gerichtskosten für einen auf DM 500 festgelegen Streitwert in Monatsraten zu DM 10 ab.
Am 25. Januar 1958 kam es zu einem Vergleich zwischen der Erbengemeinschaft Vosgerau und dem Landesentschädigungsamt: Ein "Berufsschaden" wurde mit DM 4980,80 abgegolten, ein "Freiheitsschaden" mit DM 2250 und ein "Eigentumsschaden" mit DM 600. Die Erbengemeinschaft bestand aus Maria Vosgerau, ihrem Sohn Richard und den drei Kindern ihres gefallenen Sohnes Bruno.

(54) LAS, Abt. 761, Nr. 15316.

(55) LAS, Abt. 761, Nr. 16317.

(56) In diesem Zusammenhang machte Maria Vosgerau geltend, sie benötige eventuell auch Mittel für die Berufsausbildung ihres Sohnes Walter, falls dieser doch noch zurückkomme.