Die Geschichte der Sozialdemokratie und des Ortsvereins Eckernförde  

 

Durch die industrielle Revolution in Deutschland, der Übergang zu der auf Lohnarbeit basierende Industrieproduktion, entsteht im 19. Jahrhundert die Klasse der abhängig arbeitenden. Diese neue Bevölkerungsschicht wuchs schnell. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Industriebetrieben und deren Umfeld waren im 19. Jahrhundert meistens katastrophal. Die meisten Arbeiter lebten am Rande des Existenzminimums oder oft auch darunter – ohne jede soziale Absicherung.

Schon Jahre vor der Märzrevolution 1848 war es immer wieder auch zu kleineren, regional begrenzten Aufständen gegen Industriebarone gekommen. So war etwa der Weberaufstand vom Juni 1844 in Schlesien der erste in der überregionalen Öffentlichkeit bekannte Aufstand des deutschen Proletariats infolge der sozialen Not, die durch die Industrialisierung verursacht war. Der Aufstand wurde jedoch schon nach wenigen Tagen durch preußisches Militär niedergeschlagen.

Vorboten der Märzrevolutionen im damaligen Mitteleuropa waren eine schwere Missernte im Jahr 1846, die in der folgenden Zeit die Verteuerung der Lebensmittel bedeutete. Daraus folgten Hungersnöte und Hungerrevolten in fast allen deutschen Staaten und Regionen, beispielsweise die sogenannte „Kartoffelrevolution“ vom April 1847 in Berlin.

Viele auch ärmere Bevölkerungsschichten wie Arbeiter, verarmte Handwerker, Landarbeiter usw. schlossen sich zunehmend den Forderungen demokratisch und liberal gesinnter Kreise an. Zeitlich nach der Revolution im März 1848 erkämpfen sich die Arbeiter Rechte und beginnt sich zu organisieren. Die Auseinandersetzungen um deren radikalere politische und soziale Forderungen lässt die anfängliche Einheit von städtischer Mittel- und Unterschicht jedoch bald zerbrechen. Die Mehrheit des Bürgertums hindert die unteren sozialen Schichten schon bald daran, die Revolution weiter voranzutreiben.

1848 gründet der Schriftsetzer Stephan Born Die „Allgemeinen Deutsche Arbeiterverbrüderung“. Die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung war während und nach der Revolution von 1848/49 die größte deutsche Arbeiterorganisation. Sie war eine Sammlungsbewegung verschiedener kleinerer Arbeitervereine und gilt als eine der Ursprünge sowohl der politischen und wie auch der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung. Im Jahr 1850 verständigten sich die Regierungen Preußens, Sachsens und Bayerns über eine Verfolgung der Arbeiterverbrüderung, die man für eine „Pflanzstätte des Kommunismus“ hielt. Die Arbeiterverbrüderung verlagerte nach der Revolution ihren Schwerpunkt von politischen Forderungen auf die soziale Selbsthilfe. Die Arbeiterverbrüderung konnte sich bis zum Verbot der Arbeitervereine in allen deutschen Ländern 1854 halten.

Ebenfalls 1848 wird in London das „Kommunistische Manifest“ veröffentlicht. Karl Marx und Friedrich Engels veröffentlichen damit eine Gesellschaftsanalyse, mit der sie den Kampf der Arbeiterbewegung theoretisch zu fundieren versuchen. Die Zahl der Anhänger von Marx und Engels ist - verglichen mit denen Stephan Borns - erheblich kleiner.

Nach der Niederwerfung der 1848er Revolution und einigen Jahren der politischen Restauration wurden ab 1859/60 in ganz Deutschland Arbeiterbildungsvereine gegründet. Diese Vereine schlossen sich politisch der liberalen Bewegung, d.h. konkret der Fortschrittspartei oder dem Nationalverein an, ohne dass die Arbeiter als vollberechtigte Mitglieder anerkannt worden wären. Getragen von dem Wunsch nach politischer Gleichberechtigung entwickelte sich in diesen Arbeitervereinen im Laufe des Jahres 1862 eine politische Opposition, die für die Einberufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses warb.

Die Teilnehmer des geplanten Kongresses sollten von öffentlichen Arbeiterversammlungen entsandt, nicht aber aus den liberalen Arbeitervereinen delegiert werden. Letztere machten der Kongressbewegung mit dem Ausbau der örtlichen Spar-, Kredit- und Konsumvereine durchaus erfolgreich Konkurrenz.

In dieser Situation wandten sich drei Mitglieder des Leipziger Zentralkomitees, das die Aktivitäten zur Vorbereitung des Kongresses koordinierte, am 4. Dezember 1862 an Ferdinand Lassalle und baten ihn, "Führer der ganzen Bewegung" zu werden. Lassalle war durch sein "Arbeiterprogramm" vom April 1862 bekannt geworden, in dem er für die Schaffung einer neuen revolutionären demokratischen Partei eingetreten war. Mit seinem "Offenen Antwortschreiben" vom 1. März 1863 nahm Lassalle die Aufforderung des Leipziger Zentralkomitees an. In diesem Brief forderte Lassalle nicht nur die Einführung des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts, sondern auch Maßnahmen zur sozialen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Arbeiterschaft, u.a. die Bildung staatlich geförderter Produktivgenossenschaften; den sich gerade formierenden ersten Gewerkschaften stand er getreu dem "Ehernen Lohngesetz", nach dem die Löhne nicht dauerhaft über das Existenzminimum angehoben werden könnten, skeptisch gegenüber. Wegweisend war seine Forderung nach der Bildung eines zentralistischen Agitationsvereins zur Vertretung von Arbeiterinteressen.

Diese Idee wurde am 23. Mai 1863 in Leipzig mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) in die Tat umgesetzt. Ziel des ADAV war es, wie in § 1 des Statuts, festgelegt wurde, "auf friedlichem und legalem Wege, insbesondere durch das Gewinnen der öffentlichen Überzeugung, für die Herstellung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu wirken". Der Verband selbst wurde streng zentralistisch aufgebaut; Lassalle erhielt die Präsidialbefugnis für fünf Jahre. Nach Lassalles Tod in Folge eines Duells am 31. August 1864 übernahm Johann Baptist von Schweitzer die Führung des ADAV. Nicht zuletzt wegen der straffen Leitung des ADAV, aber auch mit Rücksicht auf inhaltliche Differenzen wurde am 7./8. August 1869 unter führender Beteiligung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ gegründet.

Die 1873 einsetzende Wirtschaftskrise und zunehmende Repressionen gegen beide Parteien wandeln das Gegeneinander der SDAP und des ADAV zur Zusammenarbeit. Auf dem Parteitag in Gotha schlossen sich am 7./8. August 1875 "Lassalleaner" und "Eisenacher" zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen, die sich 1891 auf dem Erfurter Parteitag den Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands gab. Im Eisenacher Programm der SDAP werden die Abschaffung der Klassenherrschaft und die Errichtung des „freien Volksstaates“ gefordert. Das neue Parteiprogramm ist eine Mischung aus lassalleanischem und marxistischem Gedankengut. Es ist darauf ausgerichtet, der Arbeiterbewegung in den nächsten Jahren ein schlagkräftiges und begeisterndes Instrument an die Hand zu geben.

Die SDAP ist demokratisch von unten nach oben aufgebaut und verurteilt die autoritäre Organisation des ADAV. Der ADAV aber vermittelt den Menschen „dritter Klasse“ die Möglichkeit der Indentifikation mit der politischen Arbeit. Der Stimmzettel war für die Menschen, die täglich 12-16 Stunden arbeiteten bei geringen Löhnen mit mangelhaftem Arbeitsschutz in unwürdigen Wohnverhältnissen lebend, eine Hoffnung.

1865 wird in Kiel eine Gemeinde des ADAV gegründet, 1868 gab es in Eckernförde zwei Abonnenten des „Sozialdemokraten“. Von einer Versammlung des ADAV in Eckernförde wird im Februar 1873 berichtet, bis 1878 finden ca. 50 Versammlungen statt. Angemeldet und geleitet werden die Volksversammlungen von den Maurergesellen Johannes Tödter, Jacob Clement und Johannes Reiß, die den Vorstand bilden. Ab Mitte der 80er Jahre gehört auch Daniel Jebe dazu.

Bereits 1869 erlässt die preußische Bezirksregierung in Schleswig eine erste Verfügung zur Unterbindung „sozialistischer Umtriebe“. Zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm liefern Bismarck den Vorwand, das lange geplante „Sozialistengesetz“ (Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie) am 19. Oktober 1878 vom Reichstag verabschieden zu lassen, das bis 1890 Geltung hat. Die Auslegung des Gesetzes führt zur Auflösung der Parteiorganisationen und der Parteipresse, auch der Gewerkschaften. Die einzig legale Betätigung der Sozialdemokratie ist die Beteiligung an den Reichstags- und einzelnen Landtagswahlen geblieben. Der Staat wird als Unterdrückungsinstrument der herrschenden Klasse angesehen, die verstärkte Hinwendung zu den Lehren von Marx und Engels folgt.

Die Anfänge des sozialdemokratischen Ortsvereins in Eckernförde liegen nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes Ende September 1890. Nach dem Bericht des Kieler Sozialdemokraten Stephan Heinzel über den Hallenser Parteitag 1890 sollte es noch vor dem 14. Dez. 1890 zur Gründung eines sozialdemokratischen Wahlvereins kommen. Am 11. Oktober 1891 wird in Eckernförde ein Wahlverein gegründet, am 25. Oktober erfolgen die Festsetzung der Statuten und die Wahl des Vorstandes. Die sozialdemokratischen Volksversammlungen werden von Sozialdemokraten, die zugleich aktive Mitglieder der Maurergewerkschaft sind, angemeldet. Redner sind sozialdemokratische Agitatoren aus den großen Städten der Provinz. Die staatlichen Repressionen richten sich in der Zeit des „Sozialistengesetzes“ primär gegen die Vorstandsmitglieder, da ihre Namen bekannt sind. „Von Zeit zu Zeit“ werden „Hausdurchsuchungen ... bei den verdächtigen Persönlichkeiten“ vorgenommen und Bücher und Protokolle beschlagnahmt.

Oldenburg und Heinzel sind 1874 bzw. 1877/78 Reichstagskandidaten des Wahlkreises 3 (Eckernförde/Schleswig). Stefan Heinzel hat den größten Einfluss auf den Eckernförder Verein. Er hat durch seine große Erfahrung und politischen Beziehungen die Eckernförder Genossen gerade in der Zeit der „Sozialistengesetze“ wertvolle taktische Ratschläge geben können. Neben Organisatoren und Agitatoren ist auch das der Arbeiterklasse offenstehendes Versammlungslokal ausschlaggebend. Die Wirte befinden sich deshalb im Visier der Polizei. Druck auf die Wirte ist eine Möglichkeit der Obrigkeit gegen die Sozialdemokratie. Die Eckernförder Arbeiter versammeln sich in verschiedenen Gaststätten bevor ab 1912 das „Etablissement Germania“ im Vogelsang „Vereinslokal“ und später Gewerkschaftshaus wird.

Während die SPD bei den Reichstagswahlen vom 20.2.1890 19.7 % der Stimmen erhält und damit zur stärksten Wählerpartei geworden ist, sind die Zahlen im ländlichen Wahlkreis 3 von 9,2 % auf 7,6 % zurückgegangen. 1912 wird die SPD mit 110 Abgeordneten stärkste Fraktion im Reichstag, 1913 sind fast eine Million Menschen Mitglied in der SPD. 1901 gibt es in Schleswig-Holstein und der Stadt Lübeck 45 Ortsvereine mit 12000 Mitgliedern.

Nach dem Wegfall des Sozialistengesetzes Ende September 1890 werden auf dem Parteitag in Halle die Parteistatuten den veränderten Bedingungen angepasst. Die Partei nimmt den Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) an. Auf dem Parteitag 1891 in Erfurt gibt die SPD sich ein neues Parteiprogramm, das bis 1921 in Kraft bleibt. Der Marxismus wurde die offizielle theoretische Grundlage. Das Parteiprogramm zerfällt damit in einen theoretischen und einen praktisch-politischen Teil.

In Eckernförde bringt der Wegfall noch nicht die von manchen gehoffte und von anderen gefürchtete Initialzündung. Auch jetzt ist es nicht viel einfacher, sich als Sozialdemokrat zu bekennen. Wie vorher bestimmte die Politik von Berlin bis Eckernförde die Organisation der Partei. Vor allem das Vertrauensleutesystem, das eine immer noch nicht gestattete Verbindung der Ortsvereine mit den Leitungsebenen aufrecht hält. Die örtliche Vertrauensperson wird von den Parteimitgliedern unabhängig vom Ortsverein ernannt. Die Frauen haben ab 1905 eine eigene Vertrauensperson. Seit eine Rednerin aus Hamburg am 1. Mai 1892 in einer „Öffentlichen Frauen- und Männerversammlung“ über die Bedeutung des 1. Mai referiert hat, treten häufiger auch Frauen als Rednerinnen auf öffentlichen Versammlungen auf. Die Generalversammlung 1912 räumt den Frauen ein gesondertes Vorschlags- und Wahlrecht für Vorstandskandidatinnen ein.

Nach der Aufhebung des Koalitionsverbotes 1899 löst sich 1905 der Arbeiterbildungsverein Eckernförde, Borby und Umgegend auf; der „Ortsverein des Sozialdemokratischen Zentralvereins für den 3. Schleswig-Holsteinischen Wahlkreis“ konstituiert sich. Erster Vorsitzender des Ortsvereins wird Peter Christensen. Der spätere Abgeordnete und Fraktionsgeschäftsführer im preußischen Landtag Jürgen Jürgensen führte ab 1909 zusammen mit Peter Petersen und ab 1914 mit Richard Vosgerau den Ortsverein.

Im August 1914 stimmt die gesamte SPD-Fraktion im Reichstag nach heftigen internen Auseinandersetzungen für die von der Regierung geforderten Kriegskredite. Zum Bruch in der Reichstags-Fraktion kommt es 1916, als eine Mehrheit dem Notetat des Kaiserreichs zustimmt, während eine Minderheit mit dem Parteivorsitzenden Hugo Haase das Notbudget ablehnt. Diese Minderheit konstituiert sich als selbständige Fraktion „Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft“.

Der Verlauf des Krieges und deren Folgen im Reich tragen zur Spaltung der Partei bei. 1917 wird in Gotha aus dem Spartakusbund die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei“ (USPD). Ihr gehören auch SPD-Reichstagsmitglieder an, die keine Kriegskredite mehr bewilligen wollen.

Nach der Novemberrevolution 1918 wird die Abdankung des Kaisers verkündet und dem Sozialdemokrat Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers übergeben. Es entsteht eine paritätisch besetzte Regierung aus MSPD und USPD. Die Koalition zerbricht Ende 1918 bereits; die USPD zieht aus der Regierung aus. An die Stelle der Unabhängigen rücken zwei Mehrheitssozialdemokraten. Obwohl die Revolutionsregierung ein schweres Erbe angetreten hat, verabschieden sie viele Verordnungen, für die jahrzehntelang im Kaiserreich gekämpft worden war (das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen, 8-Stunden-Normalarbeitstag, Arbeiterschutzbestimmungen, die Verordnung über Tarifverträge, Koalitionsrechte und Erwerbslosenfürsorge).

Die Eckernförder SPD folgt zunächst der allgemeinen Stimmung. Im Protokoll der Mitgliederversammlung am 27. Juli 1915 steht, dass der Vorsitzende den Vorschlag macht „unsere Stellungnahme bis nach dem Krieg zu verschieben, da bei uns noch keine Zwistigkeiten in der Partei entstanden sind. Die Versammlung ist damit einverstanden“. Im Dezember 1915 ist dem Protokoll in Eckernförde zu entnehmen, das der Vorsitzende Jürgen Jürgensen „unsere Volksvertretung im Reichstag“ kritisiert. Er „gibt seiner Meinung dahin Ausdruck, dass die sogenannte Mehrheit sich voll und ganz den Anfragen Liebknechts“, der 1916 aus der Partei ausgeschlossen wurde, „hätte anschließen sollen. In der Diskussion wird im zugestimmt“.

Die Protokollnotiz der SPD Eckernförde vom 21.10.1916 spiegelt die bis in kleine Ortsvereine reichenden heftigen Auseinandersetzungen um die Haltung der SPD zur Kriegspolitik im I. Weltkrieg wider: „Die heute tagende Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Vereins Eckernförde erkennt die Tätigkeit der Oppositionsvertreter in den Parlamenten an, und erwartet in Zukunft eine schärfere und deutlichere Hervorhebung des Klassenstandpunktes gegenüber der Kapitalistenklasse und der Regierung. Unter allen Umständen sollte versucht werden, sobald wie möglich eine internationale Verständigung herbeizuführen, damit die Proletarier aller Länder geschlossen wie früher den Kampf gegen die Kapitalisten- und Imperialistengruppe in den einzelnen Ländern wieder aufnehmen können."

Nach der Spaltung der Reichstagsfraktion 1916 entbrannte ein Kampf um den Einfluss in den verschiedenen Bezirken und Ortsvereinen. In Schleswig-Holstein wurden häufig Vertreter der gegensätzlichen Linien zu einer Diskussion eingeladen, die die konträren Positionen verdeutlichen sollten. So auch in Eckernförde, in einem Ortsverein von 200 Mitgliedern. Hier votierte man mehrheitlich gegen die Kriegsziel- und „Burgfriedens"- Politik der Reichsleitung. Als weitere Stützpunkte der Opposition galten Kiel, Bordesholm, Altona, Flensburg und Schleswig.

Von der Mitgliederversammlung vom 17. Februar 1917 steht folgende Resolution im Protokollbuch: „ ... erhebt mit größter Entschiedenheit Protest gegen das parteischädigende Vorgehen des Parteivorstandes ...“. Die Versammelten stehen nach wie vor zum Parteiprogramm und erklären, „die Politik der Arbeitsgemeinschaft nach Kräften fördern zu wollen“.

Versuche der in die Minderheit geratenen Eckernförder SPD, diesen Schritt in Richtung USPD zu wandeln, blieben erfolglos. Die Novemberrevolution schlägt sich im Protokollbuch der USPD kaum nieder. Im Januar 1919 gedenkt die Mitgliederversammlung der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts; im September 1919 fordert die Mitgliederversammlung den Genossen Scharfenberg, der jetzt Kommunist sei, auf, das für die USPD erworbene Reichsmandat zurückzugeben.

Am 19. Januar 1919 finden die Wahlen zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung statt. Zum ersten Mal dürfen auch die Frauen in Deutschland wählen. Friedrich Ebert wird das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt in Deutschland. Auf dem Parteitag im September 1921 in Görlitz erklärt die SPD, dass sie die Republik als „die durch die geschichtliche Entwicklung unwiderruflich gegebene Staatsform“ ansieht, „jeden Angriff auf sie als ein Attentat auf die Lebensrechte des Volkes“. Im September 1922 schließt sich die USPD wieder der SPD an.

Während der Inflationszeit ab 1914 (Die Hyperinflation beginnt mit der Finanzierung des Ersten Weltkrieges. Ende des Krieges 1918 hatte die Mark bereits offiziell mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. 1919 wurde die Geldmenge massiv ausgeweitet, um die Staatsschulden zu beseitigen) und der anschließenden Weltwirtschaftskrise 1928-1930 verloren auch rund um Eckernförde viele Landwirte ihre Höfe, viele Geschäftsleute ihre Geschäfte wegen Überschuldung an Banken, die allgemein als jüdisch dominiert angesehen wurden. Durch die von den Nationalsozialisten propagierte jüdische Hetze fand die anfangs noch unbedeutende Partei eine sprunghaft zunehmende Gefolgschaft. Hinzu kam die Unzufriedenheit vieler Bürger mit dem ungewohnten Vielparteiensystem der Weimarer Republik, die scheinbar die Probleme der ausufernden Inflation und der ständig wachsenden Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekam. Die ungeliebte Weimarer Republik wollten alle los werden, auch der Adel und die Gutsbesitzer, denen mit dem Ende des Kaiserreichs so manche Privilegien per Gesetz genommen worden waren. Das aus dem Kaiserreich übernommene Militär war als Reichswehr zwar auf die Republik eingeschworen worden, konnte sich mit der Demokratie auch nicht anfreunden. Generäle und Admiräle ergriffen 1920 die Initiative und putschten gegen die eigene Regierung. General Kapp erklärte die demokratisch gewählte Regierung für abgesetzt und sich selbst zum Reichskanzler. Gestützt auf den militärischen Apparat und deren Waffen hofften die Putschisten, ihren Kaiser Wilhelm wiederzubekommen.

Während des Kapp-Putsches im März 1920 versuchten auch in Eckernförde Marinetruppen und Großgrundbesitzer das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Anders als im Reich erklärte sich die Reichswehr in Schleswig-Holstein nicht für „neutral", sondern trug den Kapp-Putsch aktiv mit. Nach Berichten des späteren, kommissarisch eingesetzten Landrates nahmen an diesem Putsch noch sechs weitere Gutsbesitzer teil.

Der Kapp-Putsch führte in Eckernförde zu blutigen Straßenschlachten zwischen den einmarschierten Putschisten unter dem Anführer Gutsbesitzer Kellinghusen (Eschelsmark/Schlei) und einer aus rund 1.600 Eckernfördern und Borbyern zusammengestellten „Arbeiterwehr“. Erst durch auf die Menschenmenge abgefeuerte Schüsse auf der Flucht der Putschisten waren zwei Todesopfer zu beklagen.

Auf Sozialdemokraten und Gewerkschaftler wie Richard Vosgerau und Jürgen Jürgensen wurde Jagd gemacht. Richard Vosgerau wurde von Putschisten die Wohnung verwüstet, Jürgen Jürgensen wurde vorübergehend festgenommen. Max Allewelt und Franz Langel, zwei Arbeiter, starben bei den Auseinandersetzungen.

1920 wird in Eckernförde heftig um das parlamentarisch-demokratische Selbstverständnis der USPD gestritten da die USPD plant, der von Moskau gesteuerten III. Internationale beizutreten. Man will sich nicht dem kommunistischen Führungsanspruch unterwerfen, verurteilt aber auch die Zusammenarbeit der MSPD mit weiter rechts stehenden Bündnissen. Im Juli 1922 meint Richard Vosgerau, dass durch die Koalitionspolitik die bürgerlichen Parteien in der Lage seien, die meisten Lasten auf die Arbeiter abzuwälzen. „Wenn wir nun dieselbe Politik mitmachen wollen, so hätten wir als Partei die Existenzberechtigung verloren, und es bliebe uns nichts anderes übrig, als entweder zur Mehrheit oder zur Kommunistischen Partei überzutreten.“ 1922 hat die ganz überwiegende Mehrheit der verbliebenen USPD und mit ihr der Eckernförder Ortsverein mit Richard Vosgerau diese Konsequenz gezogen: die USPD geht in der wiedervereinigten SPD auf.

Nach ihrem Wahlsieg 1928 bildet die SPD die Reichsregierung. Die große Koalition der SPD mit Zentrum, DDP und DVP unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller endet bereits im März 1930.

Bei den Kommunalwahlen 1929 erhält die SPD in Borby vier der neun Sitze in der Gemeindevertretung (Kommunisten: 1, Wählergemeinschaft „Gemeindewohl“: 4). Richard Vosgerau wird zum Bürgermeister gewählt. Nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten im September 1930 befindet sich die SPD in doppelter Frontstellung: gegen die Diktatur von rechts (Rassenwahn und radikalen antiparlamentarischen Agitationen) und links (Bolschewismus-Propaganda der KPD).

Am 30. Januar 1933 wird der NSDAP-Führer Adolf Hitler Reichskanzler. Der Wahlkampf wird seitens der NSDAP gestört, Hitler bekommt jedoch nicht die erhoffte Mehrheit. Erst durch das Ermächtigungsgesetz, gegen das die SPD alleine stimmt, bekommt Hitler die Macht.

In Eckernförde begannen die Repressalien gegen die SDP allerdings schon vor der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten. Am 10. Juli 1932 wurden bei einem SA- und SS-Überfall auf das Gewerkschaftshaus in Borby zwei Gewerkschafter ermordet. Eine weitere Verhaftungswelle nach dem 20. Juli 1944 führte zum tragischen Tod Borbyer SPD-Bürgermeisters und Gewerkschaftssekretärs Richard Vosgerau.

Am 22. Juni 1933 wird der SPD jede weitere Betätigung verboten. Am 9. Juni 1933 werden Vermögen, Parteihäuser, Zeitungsbetriebe, Geschäftsräume und Druckereien der SPD beschlagnahmt. Die Zerschlagung der Organisationen der Arbeiterklasse beginnt. Die Zerstörung des Gewerkschaftshauses durch SS und SA im Juli 1932 setzt in Eckernförde erste Zeichen. Als Bürgermeister Vosgerau sich nach der Machtergreifung Hitlers im April 1933 weigert, die Hakenkreuzfahne auf das Amtsgebäude zu setzen, wird er in „Schutzhaft“ der SA genommen. Verleumdungen waren an der Tagesordnung, die politischen Gegner werden gemeinsam mit den zu „Erbfeinden“ gestempelten Juden eingesperrt, misshandelt oder ermordet.

Hans Vogel, setzt zusammen mit Otto Wels, Fritz Heine und Erich Ollenhauer die Arbeit der SPD im Prager Exil fort. 1934 erfolgte eine Neubelebung revolutionärer Parteitraditionen z.B. durch das „Prager Manifest“ („ Durch Freiheit zum Sozialismus ... es lebe die Internationale!“) der „SOPADE“ (Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil). Sie halten Kontakt zu Widerstandsgruppen. 1937 setzen sie ihre Arbeit von Paris aus fort; ab 1940 von London aus. Am 19. März 1941 wird in Großbritannien von der SOPADE, sozialistischen Splittergruppen wie der sozialistischen Arbeiterpartei und der „Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien“ (die es auch z.B. in Schweden gibt) die „Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien“ gegründet, die davon ausgehen, dass nur der Sturz des Hitlerregimes unerlässliche Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden in Europa ist.

Nach Beendigung des 2. Weltkrieges kümmern sich Kurt Schumacher zusammen mit Fritz Heine und Erich Ollenhauer um den Aufbau der SPD und der Gewerkschaften in den Westzonen, während sich Otto Grotewohl als Leiter des von Berlin aus geführten „Zentralausschusses“ um die Wiederbelebung der SPD in der sowjetisch besetzten Zone kümmert. Schumacher schließt eine Kooperation mit der KP kategorisch aus, Grotewohl gerät immer stärker in den Sog der Einheitsparteibestrebungen. Am 21. April 1946 werden auch die Sozialdemokraten zur „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) zwangsvereinigt. Am 9. Mai 1946 treffen sich die Delegierten aus den anderen drei Zonen in Hannover zum Parteitag. Kurt Schumacher wird zum Vorsitzenden gewählt. Erich Ollenhauer wird Stellvertreter.

Eine erste Zusammenkunft der alten Genossen nach dem Krieg in Eckernförde im Gewerkschaftshaus wird mit Hinweis auf das bestehende Verbot zur Bildung von Parteien durch die britische Militärpolizei aufgelöst. Nach der Lockerung des Organisationsverbots für Gewerkschaften und Parteien übernimmt vor allem Eugen Lechner die Neuorganisation der Partei. Im August 1945 wird eine Frauengruppe der SPD gegründet, die ersten Kommunalparlamente in Stadt und Kreis werden durch die britischen Besatzer eingesetzt. Der „Vorläufige Ratsausschuß“ als beratende Körperschaft konstituiert sich am 29. November 1945, Peter Matthiesen sen. wird zum Stadtrat gewählt. Am 8. März 1946 wird der Kommunist und Eckernförder DGB-Vorsitzende Schumacher zum Bürgermeister gewählt, der Sozialdemokrat Karl Potent zum Stellvertreter.

Wilhelm Stöcken wird als Landrat eingesetzt, Leiter der Verwaltung wird Kreisdirektor Scheel (SPD). In den Kreistag werden für die SPD Eugen Lechner und Wilhelm Conradsen gerufen. Eugen Lechner wird auch der erste Kreisvorsitzende.

Am 15. September 1946 werden die ersten Gemeindewahlen durchgeführt, die ersten Kreistagswahlen am 14. Oktober 1946. In Eckernförde bestimmen konservative Politiker die Geschicke der Stadt, einige von Ihnen mit erheblichen Vorbelastungen aus dem „III. Reich“. Andreas Gayk, Kurt Schulz, Franz Osterroth, Richard Hansen und Kurt Pohle, um nur einige zu nennen, versuchen in hunderten von Versammlungen die Bevölkerung aufzurütteln, Mut zuzusprechen, Hoffnung zu verbreiten und die Basis der Partei zu stärken. Hunderte brauchen Wohnungen, Arbeit, Verpflegung und Kleidung. Sozialdemokraten gründen die Schleswig-Holstein-Hilfe für Kriegsopfer. Eckernförder SPD-Mitglieder organisieren Wohltätigkeitsveranstaltungen, Wehrmachtsgut wird requiriert und Mittel vom Kreis eingefordert. Kurt Schulz ist bis 1987 ehrenamtlicher Geschäftsführer des Vereins.

Hermann Dombrowski ist es zu verdanken, dass das erste Haus der Jugend im Sandkrug eingerichtet und die Errichtung einer Jugendherberge angeregt wird. Zusammen mit Lina Schaertl, die sich besonders um die Belange der weiblichen Flüchtlingsjugend kümmert, wird der Aufbau eines Jugendaufbauwerkes und die soziale Arbeit der Arbeiterwohlfahrt forciert. Kurt Pohle wird von der EZ später der „Sanitäter auf dem Schlachtfeld der Kriegsopfer“ bezeichnet. Eugen Lechner hat sich besonders um den Erhalt von bestehenden und Ansiedlung neuer Arbeitsplätze gekümmert. Die Abwendung der drohenden Demontage der Truppenversuchsanstalt (TVA) und Verwertung der Anlage für die notwendige Friedensproduktion ist Eugen Lechner zuzuschreiben. Der Straßenbau, die Schaffung von Wohnungen und der Bau von Schulen machen Fortschritte. Jede Maßnahme bedeutet Arbeit, jeder Arbeitsplatz verbessert die Situation der Menschen.

Ganz allmählich beginnt sich die politische Lage zu ändern. Auf der Jahreshauptversammlung im Januar 1963 gibt der Vorsitzende Kurt Schulz Bericht über erfolgreiche Vorstandsarbeit ab. Der SPD-Ortsverein hat über 300 Mitglieder. Mitte 1963 beginnen Dr. Jürgen (Jonny) Anbuhl und Peter (Hoppe) Schröder die Jusos in Eckernförde aufzubauen. Als Peter Schröder ein Stipendium in England bekommt, setzt u.a. Klaus Buß die Arbeit weiter mit fort. Beide sind zeitweise Kreisvorsitzende der Jusos, Anbuhl später auch stellv. Landesvorsitzender.

1966 wird die SPD-Fraktion stärkte Fraktion in der Ratsversammlung. 1968 erreicht die SPD durch den Übertritt von zwei FDP-Ratsherren, die mit dem Kurs der F.D.P.-Landespartei unzufrieden waren, die absolute Mehrheit. 1969 wird der bisherige 1. Stadtrat Kurt Schulz Bürgermeister der Stadt. Bis 1972 ist er Ortsvereinsvorsitzender. Er hat dem Ortsverein ein unverwechselbares Profil gegeben. 1970 erreicht die SPD aus eigener Kraft die absolute Mehrheit, die sie in den folgenden Jahrzehnten mehrfach wiedergewinnt. In den folgenden Jahrzehnten ist die SPD stärkste politische Kraft in Eckernförde.

Von 1969 bis 1987 ist Kurt Schulz Bürgermeister. Von 1987 bis 1998 folgt Klaus Buß in das Amt.

Von 1999 bis 2007 ist Susanne Jeske-Paasch Bürgermeisterin. 2007 folgt Jörg Sibbel in das Bürgermeisteramt.

Die Zusammenarbeit in der Ratsversammlung ist mit wenigen Ausnahmen in allen Jahren gut. Die wichtigsten Entscheidungen werden meist nicht durch Kampfabstimmung, sondern mit einer breiten Mehrheit gefällt. Die Fraktionen reden meistens miteinander. Aus politischen Gegnern werden keine Feinde, Freundschaften werden über Parteigrenzen hinweg gepflegt.

Kurt Schulz führt den Ortsverein bis 1972, Jürgen Anbuhl bis 1975, Jochen Kandzorra bis 1987. Dann folgt Gisela Richter, die das Amt leider nur ein Jahr inne hat. 1989 wird Sünje Müller-Lorenzen Vorsitzende, 1991 Hannes Reimers. 1995 ist Jörg Wetzel Vorsitzender, ab 2002 Martin Klimach-Dreger, 2008 bis 2011 Siegfried Schneider. Von März 2011 bis Februar 2014 war Jörg Meyer Vorsitzender des Ortsvereins; seitdem ist es Jonas Kramer.

Der Ortsverein ist die Verbindungsstelle zwischen sozialdemokratischer Politik und Bevölkerung. Durch den Ortsverein wird Politik zu den Menschen gebracht und mit Personen identifizierbar. Über den Ortsverein hält die SPD Eckernförde den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern, organisiert politische Interessen, nimmt Stimmungen auf.

Der Ortsverein informiert und diskutiert über Politik in den Mitgliederversammlungen, bringt Anträge in die Parteitage auf Kreis- und Landesebene ein, gestaltet wesentlich die Kommunalpolitik mit, lädt zum Gespräch mit Bürgern beim monatlich stattfindenden Klönschnack ein, bietet ein geselliges Vereinsleben mit Spaß und Unterhaltung wie dem Seniorenfest und dem Grünkohlessen, macht Politik vor Ort erfahrbar und pflegt Kontakte zu den Organisationen, Einrichtungen und Menschen im Ort. Die Arbeit des Ortsvereins besteht im wesentlichen aus regelmässigen Ortsvereinsversammlungen mit Themen von der Freigabe von Wandel der Bundeswehr bis zur Freigabe von Canabis, dem jährlichen Grünkohlessen, Diskussionsveranstaltungen, dem Generationenfest, Wahlkampfständen und natürlich der 1.Mai-Kundgebung.

Außerdem ist der Ortsverein ein sehr interessanter Ort. Kaum sonst wo kommen Frauen und Männer mit den unterschiedlichsten Berufen und Interessen und aus allen Altersgruppen zusammen.

Gleichwohl wird es in Zeiten politischer Gleichgültigkeit oder auch Desinteresses und dem Wunsch, sich nicht an eine Partei oder überhaupt eine Organisation zu binden, immer schwieriger, neue Mitglieder für die Partei und die politische Arbeit vor Ort zu gewinnen.

Anke Göttsch

 

Quellen: Sozialdemokratie in Eckernförde, 1991; Sozialdemokraten in Deutschland, 1976; Fragen an die deutsche Geschichte, 1991; Kurt Eisner, Zwischen Kapitalismus und Kommunismus, 1982), Archiv der sozialen Demokratie der FES (abgerufen von der Internetseite). „Demokratische Geschichte“ Bände 1986-1988 des Beirates für Geschichte in der Gesellschaft in Politik und Bildung SH.